Samstag, 14. März 2020
Fast alles wie immer
Samstag, 14. März

Ein sonniger Tag in Hamburg. Ich mache Besorgungen in der City, und auf der Mönckebergstraße hat man nicht den Eindruck, dass der Stadt irgendwas fehlt.

Shopper, Kaffeetrinker, Flaneure. Die Einkaufstüten so prall wie immer, aber auch nicht mehr. Klar, hier gibt's weder Lidl noch Aldi, wo ganze Regale leergeräumt sind: Nudeln, Konserven, das verdammte Klopapier. Aber hier in der Klamotten-Shopper-Meile dasselbe Bild wie immer.

Beim Saturn kaufe ich ein Headset mit Mikrofon. Die Theorie ist: So kann Rike ab Montag vom "home office" aus mit den anderen Zuhausearbeitenden Telefonkonferenzen machen. Fragt sich nur worüber: Die Kunden stellen alles auf Hold. Ich erstehe Vorratspackungen von Vitamin D, Hustenlöser und japanischem Heilpflanzenöl. All das soll, so ein Experte, die Chance erhöhen, dass das Virus nicht bis in die unteren Branchen vordringt. Denn einmal dort, macht es sein Ding.

Im Drogeriemarkt läuft eine sichtbar besser situierte Dame mit zusammengekniffenem Mund hinter der Fachverkäuferin her, die in Durchsage-Lautstärke kunddtut: Ach, um die Nerven ein wenig runterzufahren? Da hab ich hier was für Sie!

Die Angst macht uns alle gleich.

Dann eine Zeitlang im Garten mit Rike. Wir werkeln so vor uns hin, als ob nichts besonderes wäre. Die Nachbarn werfen den noch feuchten Grill an, es qualmt furchbar zu uns rüber. Als Entschädigungen bekommen wir zwei Geflügel-Thüringer ab.

Die Azalee beginnt schon zu verblühen. Krokusse, Osterglocken, Forsythien. Die Sonne vergisst nur zu wärmen.

In Deutschland haben jetzt mehr als 4000 Menschen das Virus. In Hamburg, glaube ich, um die 150. Den ganzen Tag über sind die Martinshörner der Ambulanzen das Hintergrundgeräusch der Stadt.

Aus Italien schreckliche, schreckliche Berichte. "Die Welt" möchte mit dem Grauen Auflage machen: "Sie wissen, wann sie sterben müssen. Es ist wie Ertrinken, nur viel langsamer." Angeblich bitten die Sterbenden meist noch um ein iPad, um aus der Isolierstation letzte Nachrichten an die Lieben zu schreiben. Die Ärztin gibt dann auch mal ihr privates Handy raus.

Das sind alles Sätze, die mir gerade den Stecker ziehen.

Abends lese ich noch einen schrecklich nüchternen Bericht, demzufolge man die Ansteckungskurve durch "individuell verantwortliches Vermeiden von Sozialkontakten" nicht wirklich "abflachen" kann. Man erklärt uns überall, dann würden weniger Menschen zur selben Zeit krank und die Intensivstationen somit nicht überlastet. Ja, am Arsch. Der Kenner, der den Text geschrieben hat, kommt für die USA zu dem Ergebnis: Um die Kurve so flach zu kriegen, müsste man die Epidemie auf zehn Jahre strecken.

Die Panik, die Panik. Ich muss sie niederkämpfen. Die anderen helfen mir dabei.

Aber selbst, wenn wir das alles unbeschadet überstehen: Am Ende werden wir in einem anderen Land leben. In einem sehr, sehr anderen.

Noch keine Fotos. Ich bin Hobbyfotograf, der gewohnheitsmäßig Zustände im Bild dokumentiert, aber bis auf die allseits bekannten Klopapier-Lücken und die Schilder "Desinfektionsmittel nicht lieferbar" gibt es noch nichts Ungewöhlnliches zu sehen.

Die Fotos kommen später. Die kommen noch.



Disruption
Heute ist Freitag, der 13.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an solch einem Tag ein solches Tagebuch beginnen würde. Aber heute tue ich es.

Corona, das Virus, verändert alles. Immer schneller. Was stabil war, fällt zusammen. Was vertraut war, wird weggewischt. Was gelebt hat, stirbt. Dieses Land hatte drei Monate Zeit, auf den Ausbruch des Virus in China zu reagieren. Es hat lieber einfach so weitergemacht. Nun ist das Virus da. Und es beginnt zu wüten. Leider lebe ich (49) in diesem Land. Im Schmelztigel, im Druckkochtopf namens Hamburg. In der Fünf-Zimmer-Wohnung, Kopf an Kopf mit meiner Familie: Meine Frau Rike (49), Tochter Hannah (16), Sohn Oskar (13). Aber leider auch: dicht an dicht an dicht mit fremden Menschen, viel zu dicht. Unter mir, neben mir – und vor allem über mir. Von denen wird vielleicht noch zu reden sein.

Über die Verwerfungen, die nun kommen werden, will ich bloggen. Solange ich kann. Um das Chaos in meinem Kopf zu sortieren, wieder Ruhe ins Spiel zu bringen. Um all das für eine Nachwelt festzuhalten, die höchstwahrscheinlich nicht interessiert sein wird. Oder nur den Kopf schütteln wird darüber, wie saublöd wir alle waren, dass wir es dazu haben kommen lassen.

Heute hat die Politik beschlossen, dass die Schule nach den bekloppten Hamburger „Ski-Ferien“ am Montag nicht wieder anfängt. In fast allen anderen Bundesländern wird sie auch geschlossen. Unis, Bibliotheken, Theater, Kinos – alles macht dicht, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Seit Tagen schon werden Großereignisse abgesagt, jetzt auch die kleineren. Auch die Bars und Kneipen sollen nun schließen. Wer kann, soll von zuhause aus arbeiten. So wie Rike, meine Frau. PR-Journalistin bei einer Agentur. Und ich natürlich, freier Journalist. Ha, ha. Mein letzter aktueller Auftrag wurde heute per Mail abgesagt. Ich hätte die Intensivstation einer Klinik besuchen sollen, wo neuartige Beatmungsgeräte eingesetzt werden. Und das war schon geplant, bevor die ganze Scheiße mit Corona losging. Oh, die Ironie! Nun hat die Klinik erst mal andere Themen, als mich mit meinem Mikrofon herumzuführen.

Wir sitzen nun also ab heute Abend alle vier zuhause und warten darauf, dass uns die Politik oder die zahlreichen Experten oder beide auch noch verbieten, das Haus auch nur für einen Spaziergang zu verlassen. In Italien, seit heute auch in Teilen Österreichs, ist das schon so. Gerade noch einkaufen darf man, selbst wenn man kein „Verdachtsfall“ in „häuslicher Isolation“ ist. Dann will ich aber auch Bundeswehr-Panzer auf der Straße sehen, die mich mit drohend eingeschwenktem Kanonenrohr daran hindern, bei einem Freigang frische Luft zu schnappen!

Dabei hat mir das Rausgehen in den letzten Tagen immer gut getan, erstens gegen die aufsteigende Panik, zweitens gegen … ach ja: Ich habe eine fiebrige Erkältung. Oh, oh! Das wird doch nicht? Nein, ich glaube, es ist eher die übliche Frühjahrs-Zermürbung nach monatelangem Hamburger Sturmtief-Dauerregen.

Oh, und das vermutlich letzte Live-Event für wahrscheinlich lange Zeit, auf das ich mich noch gefreut hatte, ist heute auch abgesagt worden: Mein Bundesliga-Verein (nicht aus Hamburg) hätte heute Abend vor ohnehin schon gesperrten Rängen im leeren Stadion gekickt, und das wäre im Bezahlfernsehen zu betrachten gewesen. Schade eigentlich. Aber wir können ja … Kerzenziehen? Bleigießen? Bloggen. Ich nehme an, bloggen.

For the record: Heute waren es in Deutschland 2.369 bestätigte Fälle, in Hamburg etwa 100.

Morgen mehr. Oh ja, morgen wird es von allem mehr sein: Fälle. Chaos. Notstand. Es wird jetzt täglich mehr.