Sonntag, 15. März 2020
Letzter Tag im Paradies?
Sonntag, 15. März.

Heute war ein frühlingshafter Tag in Hamburg. Familien fuhren Fahrrad, gingen spazieren, das Café am Elbstrand war gut besucht. Krise? Was für eine Krise?

Nur die schlimmste nach dem Krieg, die uns gerade mit Riesenschritten einholt.

Während dieses letzten Wochenendes in der scheinbaren Rest-Normalität wurden wieder hunderte Eilmaßnahmen und -erlasse verkündet: Selbst Deutschland, wo das doch laut Merkel gar nicht möglich ist, schließt nun seine Grenzen zu einigen Nachbarländern. Jedenfalls symbolisch. Pendler und Waren sollen trotzdem durch dürfen. Das verstehe alles, wer will.

Und das Virus nimmt weiter munter Fahrt auf: Italien verzeichnet an diesem einen Tag rund 370 zusätzliche Tote (und insgesamt jetzt 25.000 Infizierte), Spanien kaum weniger. Nur hierzulande (etwa 5000 bestätigte Fälle, davon in Hamburg jetzt 196) gibt es gerade mal zehn Todesopfer - weil unsere symbolisch-gepunktete Grenze das Virus auf wunderbare Weise aufhält?

Auch ich war mit Oskar unterwegs an der Elbe, per Rad. Frische Luft und Sonne - ist das nicht die beste Abwehr-Verstärkung?
Und es stärkt das Vater-Sohn-Verhältnis in diesem Tsunami aus Corona und Pubertät. Ein schöner Tag war das.

Aber was kommt morgen?

Nach allem, was absehbar ist und sich übers Wochenende schon im neuen Krisen-Epizentrum Europa zugetragen hat (Spanien und Frankreich haben quasi den Ausnahmezustand erklärt und ihre Bürger unter Hausarrest gestellt): Morgen muss eigentlich der totale Börsen-Infarkt kommen. Bislang hatten die Kurse in Frankfurt und New York gegenüber dem Jahresbeginn "nur" rund 20 Prozent verloren, und das trotz des schlimmsten einzelnen Börsentags seit 1987. Aber jetzt, wo ganz Europa dicht macht?

Und ich habe gerade erst im November einen Großteil unseres Geldes an die Börse gebracht, weil mir gar nichts anderes mehr übrig geblieben ist bei Nullzinsen fürs Sparen. Danke, Weltfinanzsystem! Burn, burn, burn....

Was sonst noch kommt, morgen, übermorgen oder spätestens Mittwoch: Hausarrest für alle auch bei uns. Die, die es noch nicht getan haben, werden vorher versuchen, die Läden zu stürmen. EDEKA hat begonnen, Waren wie Mehl, Milch und sogar Seife zu rationieren, damit jeder noch was abkriegt. Solche Szenen habe ich mal in einem ersten Romanversuch beschrieben, einer düsteren Endzeit-Dystopie vom Ende der Zivilisation. Ich war 19 oder so.

Dann, unter Total-Quarantäne, werden wir da sitzen, in unseren Wohnungen, dicht an dicht mit Menschen, denen wir sonst wenige Stunden am Tag begegnen. Oder allein. Und draußen wird es, endlich, endlich, zögernd Frühling.

Als wenn das alles noch nicht reichen würde, kommen die Einschläge näher. A. ruft an und berichtet, in seiner Firma in Hamburg hätten sie jetzt auch schon einen Fall. Und Hannah berichtet, sie habe gestern einen Rettungswagen vor unserem Nachbarhaus stehen sehen, in den sie einen älteren Herrn mit gepacktem Köfferchen hineinbugsierten.

Eines ist sicher: Ab morgen, wenn die Stadt nach beendeten Ferien wieder mit dem Grundrauschen des Berufsverkehrs erfüllt sein müsste, wird es uns sehr still vorkommen in Hamburg.

Aber die Schule soll nun doch weitergehen: digital, übers Netz. Oskars Klassenlehrer hat schon erste "Arbeitsaufträge" verschickt. Problem nur: Die Links funktionieren nicht, führen zu Aufträgen an die Parallelklasse. Und zu Rikes neuem "Home Office" fehlt das Masterpasswort. Morgen muss sie deshalb wohl extra noch mal in die Firma.