Montag, 16. März 2020
Erste Bilder
Montag, 16. März.

Nun ist es nicht mehr zu leugnen: Es wird Frühling in Hamburg. Man muss sich vorstellen, was das für eine Stadt bedeutet, in der seit November ein Sturm-und-Regen-Tief das andere gejagt hat und man vor lauter Pfützen den Asphalt nicht mehr gesehen hat. Alle, wirklich alle wollen jetzt raus in die Parks, in die Gärten, die Straßencafés.

Und da wartet das Virus. Die Pollen explodieren, die Zahlen auch. Hamburg heute: 260 offizielle Fälle (und der erste Tote), für Deutschlnd wurde die 6000er-Marke geknackt. Wir "spreaden", als ob es kein Morgen gäbe, und für manch einen wird es ja auch genau so sein.

Social Distancing heißt das neue Zauberwort. Uns Hamburger muss man dazu auf jeden Fall erst per Notverordnung zwingen. Als ich heute morgen einen ersten bangen Blick aus dem Fenster riskierte, war das Treiben auf der Straße so wie immer. Als ich später mit dem Rad durch Wandsbek fuhr, hätte ich dieser Stadt nie und nimmer angesehen, dass irgendwas anders ist als sonst.

Nur beim Kontrollbesuch mit Kamera im Aldi war es nicht zu übersehen:



Aber schon beim Rewe sah's deutlich besser aus. Die unsichtbare, wenn auch kleine Preisschwelle wirkt Wunder. Und alle beschwichtigen: Der Nachschub kommt, die Lieferketten funktionieren. Lidl und Kaufland duzen mich per Anzeige in Bild online: "Wir arbeiten Tag und Nacht daran, die Versorgung für euch in unseren rund 4000 Filialen in ganz Deutschland sicherzustellen. Wir sind für euch da!"

Hach, wir Deutschen, eine einzige Duz-Familie in der Krise. Eine Flasche Bordeaux als Nervennahrung war heute immerhin noch zu bekommen.

Börsencrash (Prognose gestern): Check! Heute haben die Investoren Daten zur Kenntnis nehmen müssen, was Corona bis hierher aus der chinesischen Wirtschaft gemacht hat: Kleinholz. Dow minus 12 Prozent, worst ever. Dax minus 11, auch nicht übel. Wenn man es als Höchstleistungswettbewerb ansieht, wirkt es fast unterhaltsam, wie die Rekorde purzeln. Latten kann man auch auf Bodenniveau reißen. Aber das ist noch nicht erreicht.

Oskar macht jetzt Schule digital. Erstaunlich, was da alles geht. Mit Web-Plattformen, Signal-Gruppen, Lernsoftware. Der Kommunikationsfluss zwischen Klassenlehrer und Klasse fließt, der Lernschweiß auch. Kein Schulbuch mehr nötig, auch kein Füller. Und Oskar mit seiner Konzentrationsschwäche kommt die häusliche Stillarbeit offenbar entgegen. Das zumindest ist sehr ermutigend.

Ebenso wie der Wtz, den manche dem Virus entgegensetzen. Videos machen die Runde. Das lustigste: Jeder kennt inzwischen die hastigen Kameraschwenks über italienische Wohnblocks, wo die Italiener auf ihren Balkonen stehen und patriotische Lieder singen, um sich kollektiv Mut zu machen. Einer hat das auf deutsche Verhältnisse übertragen: Während er mit Quäkstimme Nenas "99 Luftballons" intoniert, schallt es von allen Balkonen ringsum: Mittagsruhe! Kennst du die Hausordung?! Ich hol die Polizei! Das gibt ne Anzeige! Fickt euch doch alle, ihr Arschlöcher!

Gerade eben hat Frankreichs Präsident allen Franzosen Hausarrest erteilt. Spanien, Italien waren da deutlich schneller. Bei uns sollen vorerst nur die Läden schließen - außer Supermärkten, die nun auch Sonntags öffnen dürfen. Und Banken natürlich. Und Restaurants zwischen 8 und 18 Uhr. Aber auf den "Mindestabstand" zwischen Tischen achten! Social Distancing ...

Tief im Rachen rasselt es. Sagte ich schon, dass ich zur Hypochondrie neige?