Donnerstag, 19. März 2020
In Erwartung des Urteils
Donnerstag, 19. März

Eigentlich merkwürdig, dass die verdammten Werber noch fast gar nicht auf die neue, interessante Konsum-Situation eingeschwenkt sind. Die vor Tagen oder Wochen installierten Reklamen in der Stadt wirken vor dem veränderten Hintergrund noch deplatzierter als sonst.

Überall wird da eine Welt der Freiheit und der Erlebnisse beschworen, die es weniger und weniger gibt. Überall springen mich vor Glück hysterische Menschen an, in freier Natur, in geselliger Runde, bei Sport und Spaß. Aber sie springen ins Leere.

Bloß das Werbeplakat irgendeiner Hilfsorganisation, auf dem ein Kind davon träumt, zur Schule gehen zu dürfen, bekommt plötzlich ein aktuelles Funkeln, von Tag zu Tag mehr. Oskar, der die Schule sonst immer gehasst hat, sagte mir gestern, er würde gerne dorthin, statt vor seinem Rechner Aufgaben zu lösen.

Ein einziger Markenartikelhersteller hat schnell reagiert. Irgendwo blieb ich an einem Radiospot hängen, auf dem der Hersteller von "Hohes C" ganz unaufdringlich betont, mit seinem Orangensaft könne man jetzt schön "das Immunsystem stärken". Das war's aber auch schon. Schwach, schwach, ihr Reklamefuzzis. Ist wohl doch nicht so kreativ, die Stimmung in den Home Offices.

So, die Einschläge kommen näher, und näher, und dann noch näher. Nachdem schon gestern eine bayerische Mini-Gemeinde die Ausgangssperre verhängt hat, zog nun gerade eben die Großstadt Freiburg nach. Liegt halt nah an den Alpen, auf deren anderer Seite die Toten angeblich schon in Armeelastwagen weggekarrt werden. (Hamburg heute Abend: 506 Fälle, deutschlandweit 15.320 mit immer noch nur 44 Toten.)

Ich rechne mit maximal 48 Stunden, bis ganz Deutschland ein Gefängnis ist. Das ist dann der ökonomische Selbstmord eines Landes aus Angst vor dem Tod. Aber dann erst werden auch die Apologeten des Wegsperrens in den Medien Ruhe geben, die mit ihren Erziehungsmaßnahmen zur eisernen Corona-Ruhe bislang nicht wunschgemäß durchgedrungen waren.

Es ist, als würden all die Volkserzieher, die noch bis vor einer Woche Nazis und Klimaleugner gejagt haben und die doch selbst nach dem größtmöglichen Totalitarismus gieren, sich erst dann am Ziel sehen. Im Dienste der bestmöglichen Sache und der Kanzlerin natürlich. Die hatte gestern noch in ihrer Brandrede an die Nation mit dem Hinweis auf ihre DDR-Biographie und die "hart erkämpfte Reisefreiheit" von 1989 den Eindruck erweckt, vor dem ultimativen Grundrechteeingriff zurückzuschrecken.

Vielleicht sind die folgenden Fotos also schon die letzten Bilder, die noch nicht ausschließlich vom Balkon der Familienhaftzelle aufgenommen wurden. Sondern in Planten un Blomen, dem gar nicht mal so verwaisten Lieblingspark der Hamburger, wo es heute nach Frühling roch und Eiskugeln im Becher verkauft wurden.

Ich bin dort in dem berüchtigten Freiluft-Labor gewesen, aus dem das Original-Coronavirus ursprünglich entkommen ist, Ground Zero praktisch:



Nein, nur ein Scherz. Wahrscheinlich die Ableger von irgend so einem Stinkwurz, der früher ab und an im Tropen-Gewächshaus des Parks ausgestellt wurde. Das hier ist hingegen der richtige, der edle Frühling, vorsichtshalber schon mal in distanziertem Schwarzweiß:



Dort, wo mal weit und breit kein Mensch in Sicht war, boten die verwaisten Anlagen teils geradezu poetische Anblicke:



Wobei der Übergang zum Surrealen und Grotesken fließend ist:



Traum- oder Albtraumlandschaften? Das kommt wohl auf die persönliche Konstitution des Betrachters an. Mit meiner war es heute nicht weit her. Ich hatte vergessen, morgens die Johanniskraut-Pille einzuwerfen.