Freitag, 20. März 2020
Woche 2: Albtraumstart
Freitag, 20. März

Beginn der zweiten Woche dieses Tagebuchs und der um sich greifenden Zombifizierung. Das Bundeskanzleramt will sich "uns", also das Volk, "vor allem am Samstag gründlich ansehen". Nämlich ob wir freiwillig unter uns bleiben oder uns zum Wochenende munter verabreden, womöglich noch in freier Natur. Neue Todsünden.

Und dann wird die Strafe der gestrengen Regentin auf dem Fuß folgen: Das Volk war böse, es wird weggesperrt. Fast schon lüstern kündigt "Die Welt" das an. Nachdem auch der Newsflash-Ticker dieses rapide zum schleimscheißenden Katastrophen-Käseblatt degenerierten Mediums auf meinem Handy munter weiter brummt, habe ich ihn jetzt abgeschaltet. Geht gleich besser.

Frage: Darf man auch Deutschlands Hunderttausend Kleingärtner komplett wegschließen, oder müssen die sich nicht vielmehr um die Aussaat der kommenden Gemüseernten kümmern? Also vielleicht besser eine Art Zwangsarbeitsdienst statt Heim-Knast? Offene Fragen, so viele offene Fragen.

Immerhin: Die Spammer dieser Welt verstehen ihr Katastrophen-Handwerk. Bekam ich sonst immer Drohmails des Inhalts, dass man mein Handy gehackt und mich mit meiner eigenen Kamera heimlich beim Pornokonsum gefilmt habe, weshalb ich nun fürs Stillschweigen x-tausend Dollar in Bitcoin zu überweisen hätte, ist die Verheißung nun erweitert worden: Wenn ich nicht zahle, wird meine ganze Familie mit dem Coronavirus angesteckt. UND alle meine Freunde sehen mich beim Masturbieren.

Aber umgekehrt war ich ja auch nicht faul. Zuverlässig haben zuletzt immer morgens diese Typen angerufen, die in brüchigem Englisch vorgeben, von "Microsoft in India" zu sein und mir beim "computer problem" meines Laptops behilflich sein zu wollen. Es folgt dann eine Schritt-für-Schritt-Anleitung ("Are you sitting in front of your computer, sir?"), die mich dazu bringen soll, einen Virus auf dem Rechner zu installieren, der ihnen die Kontrolle über mein gesamtes Leben gibt.

Aber zuletzt bin ich zum Angriff übergegangen: "May I ask a question?" - "Yes, why?" - "Do you know the Coronavirus?" - "Sir, what does this have to do with your computer?" - "Because the Coronavirus is already inside your head!" – Aufgelegt. Derzeit keine neuen Anrufe aus Indien.

Rike hat ein sich exponentiell verbreitendes Virus - quatsch: Problem im neuen Job. Immergleicher Stress mit immerderselben Kollegin, die gleichzeitig als Projektleiterin in gewisser Weise weisungsbefugt ist, aber nicht mal das kleinste 1x1 für Führungskräfte beherrscht. "Wir" hätten doch verabredet, dass "wir" irgendeinen Auftrag ausführen, funkt sie ins Home Office. Das sei aber nicht passiert, oder falsch, oder sonstwie unzureichend. Tja, wer ist nun dieses "wir"? Büroscheiße in Zeiten von Corona wird nicht aromatischer, wenn sie virtuell verabreicht wird.

Eine Stunde nach vorausgegangener Notiz: Rike ist gefeuert worden. Ohne Anhörung, ohne ihrer Bitte um ein Gespräch über fehlende Kommunikation und mangelnde Einbeziehung ins Team stattzugeben. Per Videoschalte mit Chefin und Geschäftsführer, hoch lebe das Home Office. Sie haben aber mitleidsvoll angeboten, wenn Rike jetzt trotzdem noch Gesprächsbedarf habe, dann könne man gern schwätzen. Darauf halten sie sich dort viel zugute, auf ihre Mitarbeiterkultur.

Eine vierköpfige Familie mit zwei minderjährigen Kindern ist nun de facto arbeitslos - zu Beginn der schwersten Gesundheits- und Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Menschen, die da eine willkommene Gelegenheit zum Wegmobben von Konkurrenz beziehungsweise Kosten genutzt haben, werden auch morgen früh und an allen folgenden Tagen wieder in einen Spiegel schauen.

In den darauf folgenden Stunden hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Rike und die Kinder merkwürdigerweise nicht. Im Gegenteil, sie haben mich langsam wieder aufgebaut. Das ist es, was man Familie nennt.

Das hier haben wir heute trotz allem schnell zusammengerührt:



Eine Seite Pizza, eine Seite Flammkuchen. Ich gehöre überhaupt nicht zu den Menschen, die auf Instagram posten, was für Delikatessen sie gleich zu verzehren sich leisten können. Aber angesichts der kommenden Zeiten darf man doch mal dokumentieren: Damals hatten wir noch was zu beißen.