Samstag, 21. März 2020
Unterwegs im Surrealen
Samstag, 21. März

Ein kalter, aber sonniger Tag. Und wenn sich wirklich heute unser Schicksal entschieden hat, dann müssen wir jetzt alle in Einzelhaft für den Rest unseres miserablen Lebens. Denn sie waren alle, alle unterwegs: die Hundegassigänger, die Hamsterkäufer, die Jogger, die Autoposer (allerdings mit immer kleinerem Publikum am Jungfernstieg, die Armen), die Einfach-so-in-der-Gegend-Rumgurker, die Rennradfahrer, die Abhänger und Chiller, die Heimwerkermarkt-Leerkäufer, die Kleingärtner, Heerscharen von Spaziergängern (sogar in abgelegenen Industrievierteln des Hafens, wo sonst nur die Schwarzen Altautos auschlachten und die Libanesen geklaute Fahrräder zum Export klarmachen) – und ich. Ich sogar besondes lange, streng vereinzelt natürlich.

Trotzdem gibt es heute nur ein Foto:



So sieht's nämlich aus. Wenn man sich mal klarmacht, dass derzeit schon jeder 5. US-Amerikaner unter Ausgangssperre steht, dann ahnt man – aber wirklich: man ahnt höchstens – was für unvorstellbarer Schaden gerade der Weltwirtschaft entsteht. Und was in der Beziehung erst noch kommt. Börsen, Finanzsystem, Staatseinnahmen und -ausgaben, Renten, Gesundheitswesen, Autoindustrie ... es ist vollkommen unglaublich. Und für was?

Gut, es gibt die Zahlen und Bilder aus Italien, aus Spanien. Aber dennoch: Würde man alle Toten herausrechnen, die sonst ohnehin an Influenza, Krebs, Herz-Kreislauf und schierem Alter gestorben wären, schrumpften die Zahlen wie das Arktiseis im Klimawandel. Es ist alles so schwer miteinander überein zu bringen.

Und natürlich, wenn ich oder jemand aus meiner Familie heute ernsthaft an Covid-19 erkrankte, würde ich von jetzt auf gleich anders denken. Und nur noch einen dieser tollen Beatmungsplätze wollen. Und vermutlich auch wieder zu beten anfangen, obwohl mein Verstand mir unzweideutig klargemacht hat, wie töricht das wäre. Ich bin auch nur ein Mensch.

Ich habe beschlossen, keine Geschichten über Krankheitsverläufe mehr zu lesen. Das ist einfach schlecht fürs Immunsystem.

Wir leben in einem surrealen Albtraum, der vorerst keinen Ausstieg bietet. Wer hätte gedacht, dass wir das mal mitmachen würden.

Zur Abrundung die Zahlen von heute: Hamburg 768 Fälle (und davon nur 7 auf der Intensivstation!), deutschlandweit jetzt 22.213.