Mittwoch, 25. März 2020
Die Flut steigt
Mittwoch, 25. März.

Heute fange ich mit den Zahlen an, denn die finde ich beunruhigend. 37.300 Infizierte deutschlandweit (Italien: doppelt so viele), davon 1.450 in Hamburg. Und für Hamburg(er) gibt es drei Todesfälle, aber offiziell nur einen, weil die anderen beiden entweder im Ausland stattgefunden haben oder zusätzlich zum Coronavirus noch andere Ursachen als tödlich infrage kamen.

Der eine aber war ein Unternehmer, 52 Jahre alt, Familienvater, und gerade erst aus dem Skiurlaub in der Schweiz zurück. Er kam nicht mal mehr ins Krankenhaus aus der "häuslichen Quarantäne", so schnell muss das gegangen sein. Schluck.

Nein, nein, nein, ich male mir das jetzt nicht im Detail aus. Ich habe noch eine Aufgabe auf dieser Welt, verdammt.

Meiner alten Mutter empfehle ich am Telefon erstmals eindringlich, zumindest beim Betreten eines Supermarkts eine Maske zu tragen. Auch ich nehme mir vor, jetzt zumindest immer eine griffbereit dabei zu haben. Noch ist es mir zu peinlich, damit gesehen zu werden.

Die Familie hält zusammen – sich gegenseitig und vor allem mich. Oskar hat heute seine Handwerkerprüfung vor der IHK bestanden - Quatsch, er hat seine erste naive Zimmermannsarbeit vollendet: ein Hochbeet aus Brettern und Balken für den Garten. Aber er hat sich als Pubertierender tatsächlich geschickt angestellt mit Bohrmaschine und Akku-Schrauber. Respekt! Aus so etwas beziehe ich gerade meine Kraft.

Wieder eine lange Fahrradtour, jeder Tag mutiert derzeit zum Sonn(en)tag. An der Dove-Elbe entlang, das Wasser glitzert, noch braunes Schilfgras am Ufer, aber die Forsythien blühen, und die Weidenkätzchen werden es ihnen bald nachtun. Dazu das klare Licht des Nordens, die kleinen, flimmernden Wellen - all das beruhigt mich, bringt mich wieder runter.

Im Hofladen Pausenstation gemacht, etwas Obst kaufen und Joghurt. Aber ich bin nicht gern gesehen, denn ich will die Sachen gleich vor dem Haus verputzen. "Das ist alles nur To-Go!", ruft die Verkäuferin mir eine Spur zu nachdrücklich hinterher. Angst vor Polizeikontrollen? Aber die Draußen-Sitzmöbel sind alle weggeräumt, also welche illegale Gruppe sollte sich hier zusammenrotten? Ich bleibe allein auf dem Zaun sitzen und löffle meinen Joghurt. Dann mache ich, das ich weiterkomme.

Die Vorfrühlingsstille der unbelebten, weil von jeglichem Wassersport befreiten Elbe entschädigt mich.



Vom Schutzschirm, der sich über allem und jedem aufzuspannen scheint (150 Milliarden neue Schuden! Auf einmal! Nachdem jahrzehntelang immer die schwarze Null stehen musste), will ich auch einen winzigen Teil abhaben. Aber es dauert, bis die Verwaltung die Antragsformulare fertig hat. Wir sind in Deutschland, hallo! Was hatte ich denn erwartet?

Nochmals nein, nein nein: Ich male mir die Zukunft jetzt nicht aus!