Sonntag, 3. Mai 2020
Einer von 165
Aus aktuellem Anlass fangen wir heute mit den Zahlen vom Tage an: In ganz Deutschland 165.183 Fälle bei 6.812 Verstorbenen. In Hamburg sind 4.834 infiziert, 165 gestorben. Und um einen dieser 165 geht es jetzt. Nennen wir ihn Frank.

Ich kannte Frank eigentlich gar nicht. Ich hatte ihn nur vor Jahren kurz am Bürotelefon, mehrmals sogar. Er hatte ein starkes Mitteilungsbedürfnis, das man auch übergriffig nennen konnte, denn wie gesagt: Wir kannten uns ja eigentlich gar nicht. Meine Nummer hatte er sich im Internet besorgt. Ich habe auch nicht viel von dem verstanden, was er mir in hektischer, wirrer Sprache erzählte. Und war, ehrlich gesagt, froh, als ich ihn wieder los war.

Auf seinen Radarschirm war ich über einen gemeinsamen Bekannten geraten, dessen Auftritt vor Hamburger Publikum wir offenbar beide besucht hatten. Ich hatte darüber geschrieben, und er hatte es gelesen. Und musste das nun wohl aus seiner Sicht ergänzen oder richtigstellen, ich weiß es ja nicht.

Jedenfalls habe ich danach nie wieder von ihm gehört. Ich wusste gerade mal, dass er in Hamburg lebte, aber hatte keine Ahnung, wo genau. Dieser Tage habe ich es erfahren: Er wohnte seit 1992, als er aus Nordrhein-Westfalen in die Hansestadt gezogen war, drei Kilometer Luftlinie von mir entfernt.

Vergangenheitsform. Denn Frank ist tot. Ein offizielles Corona-Opfer, aber in Wahrheit hat er sich totgesoffen. Frank war schwerer Alkoholiker, seit vielen Jahren. Er lebte und trank zuletzt allein. Nicht mal einer seiner besten Freunde von früher, eben der gemeinsame Bekannte auf der Hamburger Bühne, hatte seine Adresse. Nur die Telefonnummer, die nicht in Verzeichnissen registriert war. Als er dieser Tage nach ewigen Zeiten mal wieder in Hamburg anrief, war er gleich alarmiert, als ihm Frank von Corona-Symptomen berichtete: "Es ging ihm nicht gut. Ich dachte, der stirbt."

Doch Frank versprach ihm vage, zum Arzt zu gehen, wenn es nach drei Tagen nicht besser sein sollte. Das war wohl das letzte, was irgendjemand je von ihm hörte. Die nächsten Anrufe in Hamburg gingen alle ins Leere, nur die Mailbox ging dran. Der Bekannte begann, Hamburger Krankenhäuser abzutelefonieren, ob Frank dort aufgenommen worden sei. Doch keines hatte Frank auf seiner Liste.

Wiederum einige Tage später war der Bekannte so weit, eine Polizeiwache in der Stadt anzurufen und dem Beamten dort den Fall und seine Sorgen zu schildern.

Aufgrund des Namens ermittelte die Polizei die Adresse. Schließlich bekam der Bekannte einen Rückruf der Hamburger Kripo. Man habe schlechte Nachrichten: Frank sei leblos in seiner Wohnung gefunden worden, deren Tür aufgebrochen werden musste. "Er war so fortgeschrittener Alki, dass er schon Blut spuckte und überall schwarze Flecken hatte", wusste der Bekannte. "Aber er wollte nicht hilflos an Schläuchen sterben. Also hat er weitergetrunken, bis es vorbei war."

Kurz und gut: Ein weiterer Fall, durch den sich der vielzitierte Gerichtsmediziner bestätigt fühlen kann, dass "alle Hamburger Corona-Opfer auf meinem Seziertisch schwere Vorerkrankungen" gehabt haben. Na dann. Dann ist ja alles gut und wir müssen uns keine allzu schwarzen Gedanken machen.

Dieses Bild, Frank, ist für dich.



Nachtrag / Korrektur, 5. Mai: Frank ist offenbar kein Corona-Opfer, auch nicht der Form halber. Er ist tatsächlich einfach am Suff gestorben, wie mein Gewährsmann schreibt.

Das Missverständnis stammt wohl daher, dass Frank kurze Zeit vor seinem Tod einmal mitten in der Nacht den Notarzt rief, weil eine Blutung nicht mehr aufhören wollte (das ist bei Alkoholikern mit zerstörter Leber normal). Der Notarztwagen kam auch, mit Sanitätern in voller Corona-Schutzmontur, denn die Viruskrise war gerade voll ausgebrochen. Sie nahmen Frank aber nicht mit, weil er nicht die einschlägigen Symptome hatte, auf die man inzwischen fokussiert war.

Er könne ja am nächsten Morgen zum Hausarzt gehen, gab man dem weiter stark Blutenden mit auf den weiteren Lebensweg. Ein Notfall sei er nicht.