Montag, 4. Mai 2020
Robinson verlässt die Insel
Montag, 4. Mai.

Alles lockert sich, bloß die Polizei spielt nicht mit. Zu Lockerungsübungen (vorsätzlicher Massenschlägerei) verabredeten sich am vergangenen langen Wochenende mehrere Dutzend Jugendliche ("Männer") mit einschlägigen Hintergründen ausgerechnet an der idyllischen U-Bahn-Station meines Vertrauens und Wohngebiets. Für die Verabredung nutzten sie Snapchat. Das ist eben die Jugend, ich hätte das noch per Wählscheiben-Telefon getan. Polizei kam, "Männer" flüchteten, Schlägerei fiel aus.

Aber dafür durfte ich heute zum Friseur gehen, ohne dass die Frisurenpolizei eingriff. 4. Mai, Tag der Wiederauferstehung des Haarschneideberufs. Was für ein Spaß! Mein Stamm-Salon mit einschlägigem Hintergrund hatte den Wartebereich zur Neueröffnung einfach VOR den Laden verlegt, immerhin mit Stühlen (großer Abstand) und immerhin unters Vordach, was aber wetterbedingt gar nicht notwendig gewesen wäre.

Beim Warten konnte man sich den Verkehr auf der sechsspurigen Ausfallstraße ansehen und kräftig durchatmen. Irgendwann wurde man reingerufen, aber gleich zurückgepfiffen: Handdesinfektion! Tatsächlich stand da ein Spender am Eingang bereit, den ich übersehen hatte.

Alle trugen Masken, man selbst auch. Es sah aus wie Ali Babas Räuberhöhle und hörte sich auch so an. Ich bekam wieder den blutjungen schwulen Syrer zugeteilt, der mir auch prompt versprach, mein Resthaar besonders sexy zu schneiden.

Gesagt, getan: Man steckte mich zur Virenabwehr gleich mal in eine Art transparente Frischhaltefolie, die nach der Prozedur sofort entsorgt werden konnte. Ein riesiger Plastikberg also gleich am ersten Arbeitstag der Hamburger Friseure, Greta fände das gar nicht gut. Aber man kann nicht beides haben: Klima und Corona. Unterdessen rutschten unsere Masken um die Wette von der Nase, die Konversation war durch all das Geruckel und Gezuppel arg erschwert.

Am Ende gab's auf meinen Wunsch, weil alles so lächerlich aussah, noch eine dokumentarisches Handyfoto im vollen Corona-Outfit, das ich Ihnen an dieser Stelle erspare. Mit dem Resultat (des Haareschneidens, nicht des Fotografierens) indes war ich sehr zufrieden.

Mit dem Preis nicht. Aber das lag am zusätzlichen Resthaarewaschen (maskenlos!), das von Rechts wegen derzeit nicht verhandelbar ist, weil sich auch im Resthaar Restviren verfangen. Immerhin: Für viel Geld am Ende ein Gefühl wie Robinson Crusoe nach Verlassen der einsamen Insel, wiedergeboren als neuer Mensch.

Womit wir auch schon bei den Zahlen vom Tage wären. Es tut sich ehrlich gesagt kaum noch was in Deutschland, und das ist natürlich eine sehr gute Nachricht. Also hier die ermüdende Pflichtübung: 165.745 Fälle (6.866 Tote); Hamburg: 4.843 Fälle (165 Tote). Die Verdoppelungszeit der Infiziertenzahl beträgt in Hamburg mittlerweile 116 Tage, Tendenz stark steigend. Ob es dazu überhaupt noch kommt, ist offen.