Dienstag, 5. Mai 2020
Ich, der Sensenmann
Dienstag, 5. Mai.

Ich sitze im Büro. Nutze die Gunst der Stunde zur konzentrierten Stillarbeit, denn das Büro, in dem vor der Krise bis zu 20 Leute arbeiteten, ist ansonsten leer. Alle haben Home-Office verordnet bekommen, soweit möglich.

Da erscheint plötzlich Kollege Heiko, dem das sein Job nicht durchgängig ermöglicht. Im Corona-Zusammenhang zählt der Kollege zur sogenannten Risikogruppe: Eine seltene Autoimmunerkrankung macht ihn besonders anfällig für das Virus.

Dennoch kommt er – ohne Vorsichtsmaßnahmen wie Mundschutz oder Handschuhe – ins Großraumbüro, denn auch er hatte gedacht, es leer vorzufinden. Tut er aber nicht, sondern er findet mich vor. Und noch in der Eingangstür stehend blafft er mich grußlos an, wie das denn sein könne, ich hier. Und dass ich eine tödliche Gefahr für ihn darstelle. Eine tödliche Gefahr.

Das habe ich, ehrlich gesagt, noch nie von jemandem gehört. Ich hatte einen Tapetenwechsel nötig, denn zuhause habe ich die Online-Gymnasiasten Hannah und Oskar mit am Tisch sitzen. Plus Rike, deren mäßig faszinierender Home-Office-Traum ja leider vorerst ausgeträumt ist (CC 20.3.). Hier hingegen bin ich Mieter eines Arbeitsplatzes. Und letzteres weiß Kollege Heiko natürlich.

Aber er starrt mich an, als sei ich der Tod auf zwei Beinen. Oder bringe denselben, und zwar genau ihm, genau jetzt. Es ist verdammt unangenehm, so angeschaut zu werden, als sei man der Sensenmann persönlich oder mindestens ein Serienkiller.

Das Büro ist wirklich recht geräumig. Außer in der Eingangstür müssten wir uns nicht näherkommen als zehn Meter. Gut, vielleicht noch an der Teeküchentheke. Aber nur bei sehr schlechter Koordination.

Bleibt das Problem, dass wir uns in diesen Räumen die Atemluft und die Oberflächen teilen. Lichtschalter, Türklinken. Alles potenzielle Virusfallen. Die Abscheu und die blanke Panik in seinem Blick sind so intensiv, dass ich meine Sachen packe und nach Hause fahre. Während ich Dringenderes zu tun hätte.

Noch auf der Rückfahrt gehe ich mental meinen Mietvertrag durch. Da steht ganz sicher nicht, dass ich den von mir bezahlten Arbeitsplatz nur mit Immunitätsbescheinigung nutzen darf. Ich bin verwirrt. Und ganz schön angepisst.

Dennoch die beinahe stagnierenden Zahlen vom Tage: Im Land jetzt 165.745 Infizierte und davon 6.866 Todesfälle. In Hamburg sind es 4.843 Erkrankte, 167 verstorben.