Donnerstag, 7. Mai 2020
Das O-Wort
Donnerstag, 7. Mai.

Bislang regierte das böse C-Wort das Land mit eiserner Faust. Quatsch, nicht die CDU. Auch nicht das, an das Sie als Engländer jetzt denken, Sie Ferkel. Nein, jenes C-Wort, das wenige bedauernswerte Frauen sogar als Vornamen mit sich herumtragen müssen. Stellen Sie sich das vor: die Ärmsten! Fürs Leben gezeichnet.

Aber jetzt übernimmt endlich wieder das gute alte O-Wort. Dieses hier:



Offen. Geöffnet. In tausend Variationen und immer noch größeren Plakatgrößen schreit es uns an:



Süß, oder? "Außer montags." Da kommt schon wieder das (in diesem Fall nicht) Kleingedruckte ins Spiel, am Tag eins der Wiedereröffnung. Die Sternchen-Klausel (*) der deutschen Dienstleistungswüste. Die Im-günstigsten-Fall-wenn-Weihnachten-und-Ostern-auf-einen-Tag-fallen-Klausel, die Sie aus Ihren Mobilfunk- und Versicherungsverträgen kennen. Alles* 20 Prozent billiger. (*)Außer Tiernahrung.

Wir ändern uns ja nicht, bloß weil wir sechs Wochen lang mit fremdartigen Regeln geknechtet wurden. Das kommt alles wieder, genau wie alle anderen schlechten Angewohnheiten von vor der Krise auch. Wir werden das Händewaschen wieder schleifen lassen, das Abstandhalten und das Vorräteanlegen (gottseidank). Dafür werden wir, in bestimmten Kreisen zumindest, das dämliche Bussi-Bussi beim Begrüßen wieder einführen, mit dem man sich hierzulande als Beherrscher südlicher Lebensfreude und Leidenschaft zu profilieren hofft. Ach, geliebte Hamburger Steifheit, quo vadis!

Am dollsten treibt den Kult ums O-Wort übrigens in Hamburg derzeit Nivea, unsere hanseatische Hausmarke. Auch, wenn sie das O-Wort bei der Bewerbung ihres "Flagship Stores" am Jungfernstieg nicht ein einziges Mal hinschreiben.



Dafür schreit der ganze Rest der Fassade GEÖFFNET! HALLO! REINKOMMEN! KAUFEN! COME IN AND NEVER FIND OUT AGAIN!
Und natürlich duzen sie mich dabei zu Tode.

Apropos zu Tode, eine Frage hätte ich: Müsste es über der Eingangstür nicht heißen: "Schön, dass ihr NOCH da seid"?

Es wirkt jetzt wie ein saublöder Übergang, aber hier sind zum Schluss noch die Zahlen vom Tage: 168.655 Fälle im Land, 7.322 verstorben. In Hamburg 4.907, davon 194 tödlich. Übrigens haben wir im ganzen Land angeblich nur noch weniger als 30.000 aktuell Erkrankte, in Hamburg gar nur gut 900. Basierend auf Schätzungen, aber immerhin. Das heißt als vorsichtige Zwischenbilanz: Die meisten sind wirklich noch da.