Freitag, 8. Mai 2020
Verdammter Symbolismus
Freitag, 8. Mai.

Der 75. Jahrestag des Kriegsendes, der Befreiung, und ausgerechnet im Corona-Jahr. Ach, was für ein Symbolismus! Natürlich vollkommen unwiderstehlich für die Medien, hier das Virus irgendwie mit reinzuwurschteln, so grotesk und absurd das auch ist. Ich habe absichtlich nichts gelesen und schaue absichtlich kein TV, aber ich kann es spüren:

Die Stunde null. Die Öffnung. Der Neubeginn. Der Wiederaufbau nach den Verheerungen. Gemeinsam im Geist des Zusammenhalts der Demokraten. Damals, heute. Luxusprobleme der modernen Zeit, verglichen mit. Aber die Härten der Zeit danach, die erst noch kommen.

So sind sie: Reiz, Reaktion. Rundes Datum, blinder Reflex. Froh darüber, überhaupt irgendwas Originelles zu haben, irgendeine These für irgendeinen Artikel, irgendein Filmchen. Irgendjemand wird schon was Passendes sagen, den gewünschten O-Ton liefern. Warum nicht ich?

Spielen wir es mal durch: "Herr Corona Chronicles, worin bestehen für Sie die Bezüge zwischen dem heutigen Jahrestag des Kriegsendes und dem Neubeginn am Ende der weltweit größten Krise seit Kriegsende?"

"Ähm, welches Kriegsende? Es gab zuletzt mehrere Kriege auf der Welt."

"Des Zweiten Weltkriegs natürlich. Der heute vor 75 Jahren zu Ende ging."

"Oh, da war ich noch nicht geboren."

"Ja, aber, Herr CC, Sie werden doch Ihre Lektion aus der Geschichte gelernt haben?!"

"Das habe ich in der Tat: Vergleiche nie Äpfel mit Birnen!"

"Aber die Verbrechen des Faschismus, sind die etwa nicht mit den heimtückischen Massenmorden des Virus zu vergleichen?"

"Es heißt Nationalsozialismus, nicht Faschismus. Faschismus gab es nur in Italien. Bloß die Sozialisten sagen Faschismus, wenn sie Nationalsozialismus meinen, damit man nicht schon gleich am Namen hört, wie ähnlich ihr totalitäres Weltbild demjenigen der nationalen Sozialisten war und ist."

"Wenn wir mal auf Corona zurückkommen könnten, Herr CC ..."

"Da gibt es nichts zurückzukommen. Äpfel und Birnen."

"Aber der Geist der Solidarität, des Wiederaufbaus..."

"Sehen Sie hier ausgebombte Städte?"

"Ich meine das im übertragenen Sinne."

"Ich danke Ihnen für dieses Gespräch."

"Moment, das ist mein Text, aber doch erst am Ende ..."

Tja, so weit mein Experten-Interview zu Corona und dem Jahrestag des Kriegsendes. Natürlich fragt mich in Wirklichkeit niemand. Und so bleiben sie wieder unter sich, die Weisen der Öffentlich-Rechtlichen und der anderen pseudoprogressiven Leitmedien. Schauen Sie sich den Rest einfach bei Maybrit Illner an, oder wie die heißt.

Hier, die progressiven Freunde haben auch schon wieder demonstriert, vor dem Hamburger Rathaus, gestern bereits. War zwar nicht erlaubt, coronamäßig, aber weil es nur zwei Dutzend waren und weil's für die gerechte Sache ging, hat die Staatsmacht natürlich wie immer drei Augen zugedrückt. Die "Aktivisten" haben ja auch brav das Social Distancing eingehalten:



Worum ging es? Worum es vor Corona immer ging: Grenzen auf! Nein, Grenzen weg! Grenzen sind Mord! Nieder mit dem faschistischen Corona-System! Alle Rechte für alle, außer für Rechte!

Ein schwarzer "Refugee" bearbeitet das übersteuernde Mikro, als ich vorbeischaue. Ich verstehe nur wütende Wortfetzen: "Justice!" – "Police violence!" – "Solidarity!"

Wie gesagt, ich gebe dem Ganzen noch drei Wochen, dann steht das Lampedusa-Zelt wieder, das sie zu Beginn der Quarantäne abgerissen haben (CC vom 26.3.). Es kommt alles wieder, aber das mit als erstes. Und die Erfahrung, dass Grenzen auch etwas sehr Schützendes haben, wird ganz schnell wieder zurückgedrängt werden, niedergekämpft von denen, für die wir alle Nazis sind.

Womit wir bei den Zahlen vom 75. Jahrestag wären: In Deutschland steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder, ausgerechnet heute, auf jetzt insgesamt fast 170.000. Verstorben sind 7.392. In Hamburg 4.925 Fälle, 201 Tote.

Darf ich "Spiegel online" den Schlusssatz zum heutigen Abend in die Tastatur diktieren? "Der faschistische Weltkrieg gegen unsere weltoffenes Gesundheitssystem muss jetzt in die Phase des solidarischen Wiederaufbaus übergehen."

Gern geschehen.