Dienstag, 12. Mai 2020
Repremiere
Dienstag, 12. Mai.

Wenn ein Museum schon im Februar die Premiere einer Ausstellung gefeiert hat (Kinder, damals gab es bei uns noch kein Corona, könnt ihr euch das vorstellen?), dann bedeutet die Wiedereröffnung nach der Lockdownpause ... eine Repremiere. Zumindest habe ich dieses Wort dafür gerade erfunden. Bitte sehr, es ist kostenlos. Das Wort. Nicht die Ausstellung.

Offiziell war die Repremiere der Ausstellung "Das Plakat" im MKG schon am 7. Mai, für mich ist sie heute.

Man tastet sich da langsam ran. Erst steht man unschlüssig im Treppenhaus und linst durch mehrere Glastüren, ob "the so-called German maskenpflicht" (Guardian) auch in diesen heiligen Hallen gilt. Dann erkennt man schemenhaft jemanden mit Gesichtswindel hinter einem Tresen und ahnt: Diskutieren zwecklos. Also auf mit dem Ding und hineinspaziert.

Schon beschlägt die Brille. Dafür bekommt man aber auch kaum Luft. Egal. Tausendmal schon anderswo beschrieben.

Dann arbeitet man sich vor durch unbelebte Gänge, in denen rein gar nichts stattfindet, weil mal wieder irgendwas umgebaut und umgestaltet wird. Das war im MKG aber schon immer so, solange ich denken kann.

Irgendwann stößt man mal kurz auf einen Anstreicher auf einer Leiter und erschrickt heftig. Dann weiter, am geschlossenen Café vorbei, an dessen Tür ein Schild in schlechtem Deutsch darauf hinweist, dass das Café geschlossen ist.

Überhaupt gibt es traditionell sehr viele Schilder in schlechtem oder katastrophalem Deutsch im MKG, gerne auch als Texttafel zur Erläuterung beliebiger Ausstellungen. Wer immer das kuratiert, muss das Hamburger Schulsystem durchlaufen haben.

Die eigentlichen Ausstellungssäle dann fast menschenleer, bis auf das Aufsichtspersonal natürlich. Aber eigentlich: leer.



Was neben der coronabedingten Entwöhnung des Publikums sicher auch an der späten Stunde liegt. Ich komme so gegen fünf. Geöffnet ist bis 18 Uhr. Also eine Stunde Zeit zum Schnelldurchlauf der Plakateausstellung. Denke ich. Aber zunächst reißt einen um 17.45 Uhr ein ohrenbetäubender Gong aus allen Träumen, dann folgt eine scheppernde, kaum noch passiv aggressive Durchsage des Tenors, jetzt sei die letzte Chance zu fliehen, später könne man für nichts mehr garantieren.

Schön, denke ich mir, gerade noch ein kurzer Ritt durch diesen vorletzten Saal – da wird vor meiner Nase demonstrativ das Licht ausgeschaltet. 17.50 Uhr. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, wie beim "Dialog im Dunkeln" durch stockfinstere Labyrinthe zu tapern, und gehe nach Hause.

Aber die Ausstellung selbst: lohnenswert. Bringen Sie etwas mehr Zeit mit als ich. Das war meine Repremiere.

Die Zahlen dieses wieder ein klein wenig normaleren Tages: landesweit 172.812 Infizierte, 7.676 verstorben. In Hamburg 4.964 Fälle (immer noch keine 5.000), aber plötzlich 216 Tote statt gestern noch 204. Sterben die Ärmsten in dieser Stadt häufig schubweise, oder hatten die Statistiker am Montag noch langes Wochenende?