Montag, 18. Mai 2020
Demokratie bei der Arbeit
Montag, 18. Mai.

Das Muster bei den Protesten gegen die Corona-Beschränkungen funktioniert folgendermaßen: Da die Gruppe der Protestierer naturgemäß aus allen Lagern der Bevölkerung kommt (jeder hat ja einen anderen Schuh, der ihn bei den ganzen Beschränkungen drückt), ist die Lage für die Medien schnell unübersichtlich.

Die Praktikanten, die zu den Terminen geschickt werden, haben nun zwei Möglichkeiten: Sie können mühsam versuchen, die unterschiedlichsten Standpunkte zu verstehen und entsprechend vielschichtig zu berichten.

Oder sie können es sich einfach machen und sagen: Da sind ganz viele Spinner und Querulanten, deren Reden kein geschlossenes Bild ergeben, ja sogar widersprüchlich erscheinen. Außerdem sind einige komisch angezogen, und manche halten bizarre Schilder hoch.

Also schreiben wir: Das sind alles Verschwörungstheoretiker, außerdem von rechts unterwandert und sicher auch irgendwie rassistisch beziehungsweise antisemitisch. Dann ist Ruhe im Karton. Dann fragt keiner nach weiteren Begründungen oder Beweisen.

Hamburgs Medien haben sich angesichts der paar versprengten Menschlein, die montags beim "Offenen Mikrofon" am Jungfernstieg auftreten, zu letzterem entschlossen. Sie haben die Öffentlichkeit also entsprechend eingestellt, wobei natürlich das Stichwort "rechts unterwandert" die üblichen Friedensstifter und Demokratiewächter von der sogenannten Antifa auf den Plan gerufen hat. Die "beobachteten" die letzten Montags-Veranstaltungen also auf die gewohnt unaufgeregte und de-eskalatorische Tour, mit schwarzer Vermummung, aggressivem Filmen der Redner, Sprechchören, lauter Störmusik aus Verstärkern und ähnlichem.

Während ich heute, als ich nach der Arbeit beim "Offenen Mikrofon" vorbeikam (einer Art "Speaker's Corner", wo freie Rede gepflegt werden soll), auf folgende Szenerie traf:



Man sieht hier nahezu nichts davon, aber eine Handvoll engagierter Rednerinnen und Redner, die jeder nur für sich selbst das Wort ergriffen, wurde von zwei Handvoll ansatzweise schwarzvermummter UN-Friedenstruppen belauert, die wiederum von nahezu 100 Einsatzpolizisten an ihrer üblichen Gewalttätigkeit gehindert wurden.

So viel zum Stand der demokratischen Diskussionskultur in Deutschland im Jahr 15 der Merkel-Regierung.

Es war trotzdem aufschlussreich und auch ein wenig ermutigend, was ich gesehen habe. Die beiden Damen, deren Vorträgen ich in Ausschnitten zuhören konnte, waren nicht nur rhetorisch recht bewandert, sie gaben auch den Wegelagerern von der Antifa verbal Saures, wobei nicht wenig Applaus aufbrandete: "Ihr seid nur in der Masse stark, nur wenn ihr vermummt seid!" – "Ja, filmt mich nur, ist mir auch egal!" – "Eure Zeit ist vorbei!"

Und auch, wenn ich letzteres leider nicht glauben mag: Die stolzen, moral-getränkten Antifanten standen recht bedröppelt herum, auf ein recht klägliches Hohngelächter reduziert. Ein Anblick, der die Seele labte.

Sie fanden außerdem nicht mal die leisesten Ansätze für ihre üblichen Totschlag-Vorwürfe von Rassismus, Faschismus oder sonstigem Ismus. Zum Liebhaben!

Mit schlagartig verbesserter Laune verließ ich den Schauplatz der freien Meinungsäußerung.

Die Zahlen vom Tage: Nur 182 Neuinfizierte in Deutschland gegenüber gestern, 41 neue Todesfälle (ermals knapp über 8000 insgesamt). Dennoch stiegen angeblich die Neuansteckungen, über einen Sieben-Tage-Zeitraum betrachtet, weshalb der Trendpfeil nach oben zeigt. In Hamburg nur acht neue Infektionen, ein einziger neuer Todesfall.