Schatzsuche
Montag, 23. März.

Die Nicht-mehr-als-2-Personen-zusammen-Zeit hat begonnen. Rausgehen bleibt aber erlaubt. Mit dem Fahrrad auf dem Weg in die City fällt es mir oft schwer, mich mit Mindestabstand 1,5 Meter an den anderen Vereinzelten oder Paaren vorbeizuwinden. Weniger Autos als sonst, aber sonst?

Die Leute gehen, um zu gehen, nicht mehr um irgendwo anzukommen. Vielleicht war das bei vielen immer schon so, und die Menge der möglichen Ziele hat darüber hinweggetäuscht.

Der Mittagstermin beim Physiotherapeuten wegen meines Bandscheibenvorfalls entfällt und wurde um eine Woche verschoben. Denn ich hatte vorher eine Mail geschrieben: Fühle mich seit dem Wochenende erkältet, Niesen, Schnupfen, Gliederschmerzen. (Nein, kein Husten, kein Fieber.) Behandeln Sie mich trotzdem, wenn ich währenddessen eine Maske trage? Antwort nach fünf Minuten: Täte ihnen leid, verschärfte Behandlungsrichtlinien seit dem Wochenende, und sie dürften mich leider nicht reinlassen in die Praxis. "Werden Sie mal erst ganz gesund."

Stattdessen Klopapierfahndung. Nicht, weil ich unbedingt "muss", sondern weil wissen will, ob ich könnte. Versuch Nr.1: Karstadt, Mönckebergstraße. Das Kaufhaus hat natürlich geschlossen – bis auf die Lebensmittelabteilung, die hat noch Mittel zum Leben! Ich also rein, und gleich vom Eingang weg werde ich in die richtigen Bahnen gelenkt:



Mit Flatterband ist die Route zu den Fressalien markiert. Abweichungen vom Pfad der Tugend nicht erwünscht. Sie haben den Weg mit Absicht an minder be
gehrten Waren wie Wollknäueln oder Stofftuch vom laufenden Meter vorbeigelegt, damit die Grapschhändchen möglichst nicht doch mal schnell über die Banderole hinausgestreckt werden.

Aber: kein Papier in der Lebensmittelabteilung. Ist ja kein Supermarkt. "Unverrichteter Dinge" wieder nach draußen.

Versuch Nr. 2: Drogriemarkt Rossmann. Erst werde ich euphorisch, weil es hier Babywindeln, Tempotücher und sogar Küchenkrepprollen gibt. Doch dann die einzige gähnende Leere in den Regalmetern: das Erwartbare. "Sie müssen morgens kommen", sagt der Regaleinräumer, "um 8, wenn wir aufmachenn. Dann kriegt jeder was, aber maximal zwei Achterpacks". Scheint nur fair.

Aber was ist das? Da liegt ja noch Klopapier! Fünflagig! Gut, jeweils nur zwei Rollen in der Packung, mit 0,99 € auch nicht das Billigste vom Billigen. Aber hey, wir sind nicht wählerisch, wenn es um das ultimative Triumpherlebnis geht! Vor der Kasse sind mit Klebefolie alle 1,5 Meter eine Art Hinkekästchen markiert worden:



Als ich bis zum Ziel vorgehinkt bin und mir die wertvolle Ware zugerechnet worden ist, entführe ich vier ganze Rollen Super-de-Lux-Arschwische ins Freie und komme mir vor wie ein Hehlerkönig. Hektisch vergrabe ich meinen Schatz in der Fahrradtasche, Blicke über beide Schultern werfend und Selbstgespräche führend. Heute bin ich Gollum!



Abends um 19 Uhr fällt mir auf, dass gerade jetzt die lang angekündigte Kulturveranstaltung begonnen hätte, die ich als Autor hätte bestreiten sollen. Ich glaube, es gab nicht mal eine offizielle Absage. War eh allen klar mittlerweile. Aber es trifft mich irgendwie nun doch. Diese Leere.

Zahlen vom Tage: 29.056 Infizierte im Land, 123 Tote. 989 Fälle in Hamburg. Flacht die Kurve bereits ganz sachte ab? Sollten die Maßnahmen erste Wirkung zeigen? Der britische "Guardian" stellt vorsichtige Vermutungen in diese Richtung an. Aber besser nicht an ein früheres Ende dieses Albtraums glauben. Nebenbei: New York allein liegt jetzt schon bei 20.875 registrierten Fällen.