Tief durchatmen
Donnerstag, 21. Mai.

Christi Himmelfahrt / Vatertag. We did it! Wir haben die Normalität zurückerobert und sind in Kurzurlaub gefahren. Ja, heute Abend sitzen Rike, Hannah, Oskar und ich im lauschigen, reetgedeckten Bauernhaus von Achzehnhundertdunnemals auf einer Hallig, einer jener flachen Scheiben Land in der Nordsee, aus der bei Sturmflut nur die Hügel der Warften mit ihren Häusern herausschauen, wenn man Glück hat.

Heute war allerdings Kaiserwetter und Windstille, für eine Hallig eine fast surreale Szenerie. Dass hier Touristen absteigen, geht überhaupt erst seit Montag wieder, und man hatte uns gewarnt: Es könne an den Küsten und Fährhäfen Kontrollen geben, noch an der Autobahn hatten digitale Infotafeln angedroht, Tagestouristen ohne feste Meldeadresse würden zurückgeschickt. Sie fürchteten sich wohl vor zu vielen feiernden, saufenden und jede soziale Distanz vermissen lassenden Vätern.

Aber nix da. Keine Kontrolle, nirgends. Business as usual, und das war ja gerade das Tolle. Außer natürlich, dass auf der Fähre Maskenpflicht herrschte, ein Anblick, der beim wetterfesten Publikum an Bord eher bizarr wirkte. Und außer, dass am Toilettenhäuschen hinter dem schmucken kleinen Hallig-Kirchlein jetzt solch ein Schild hängt:



Als ob man nicht ohnehin einen Mindestabstand einhielte, Corona oder nicht, wenn man mit anderen Pinkelnmüssenden in einer Warteschlange stünde. Was bei mir aber gar nicht der Fall war. Es war nämlich schon früher Abend, niemand mit mir auf der Kirchwarf, goldenes Licht fiel schräg auf alte Leichensteine, die den Wegrand säumten. Und ich war sofort dran. Nicht mit Sterben, sondern mit Pinkeln.

Aber es ist schon ein besonderer Ort, dieses Kirchlein mit seinem Totenacker, der sich hinter den Ringdeich der Warf duckt und wo die Abendstille nur von den Rufen der Möwen und der Ringelgänse durchschnitten wird. Man kommt ins Nachdenken über die Vergänglichkeit, während die Zeit sich in alle Richtungen zugleich auszudehnen scheint.

Tja, hier sind wir nun, eine krisengeschüttelte - na gut, krisengerempelte - Hamburger Familie unter dem hohen Himmel des Nordens, die mal wieder durchatmen kann nach zwei unseligen Monaten. Bis Sonntag, wenn die Fähre geht.

Noch die Zahlen vom Tage: Gerade mal 275 neue Fälle wurden am Feiertag landesweit registriert, 59 neue Todesfälle. In Hamburg, das gerade weit weg scheint, acht neue Infektionen und drei Tote. Hier auf den Halligen kennt man das ganze Problem eher vom Hörensagen. Social distancing? Klar, 365 Tage im Jahr!




dhs am 23.Mai 20  |  Permalink
Echt... Maskenpflicht auf der Fähre???
Einen schönen Kurzurlaub wünsche ich!!