Donnerstag, 28. Mai 2020
Bis hierher - und (nicht) weiter
Donnerstag, 28. Mai.

So geht das nicht weiter. Man kann nicht ein tägliches Blog führen über eine Krise, die täglich weniger wird. Was natürlich zu begrüßen ist, aber im selben Maß schwindet eben auch der Grund für dieses Blog, nämlich eine Chronik der Coronakrise zu schreiben.

Zeit, eine (vorläufige) Bilanz zu ziehen.

Die CC-Familie ist bis heute gesund geblieben. Das ist mal das Wichtigste. Auch im engeren und sogar weiteren Bekanntenkreis ist niemand an COVID-19 erkrankt. Dass es eigentlich sogar den allermeisten, die ich kenne, genau so geht, dass also fast alle von schrecklichen Schicksalen nur aus den Medien erfahren haben, gibt mir sehr zu denken, aber das wurde hier ja alles schon thematisiert.

Viel gravierender sind für uns die ökonomischen und sozialen Auswirkungen dieser Pandemie. Rike hat mittendrin ihren Job verloren, natürlich ohne die offzielle Begründung: "Wir feuern Sie jetzt, weil wir in der wirtschaftlich höchst unsicheren Zukunft gerne Kosten sparen möchten und ohnehin nicht wissen, warum wir Sie eigentlich eingestellt haben." Nein, so ehrlich geht das nicht in Deutschland.

Meine Aufträge als Freelancer sind zu einem guten Teil eingebrochen (ja, Väterchen Staat hat unbürokratisch ein paar Tausend Otzen überwiesen, die ich aber offenbar nicht zur Deckung der Lebenshaltungskosten meiner Familie einsetzen darf). Wovon also mittelfristig der Kühlschrank gefüllt werden soll - man darf gespannt sein.

Oskar, der ADS-Teenie, hat durch das Hohm Skuling einen schweren Rückschlag in seinem Schulerfolg erlitten. Ich will das nicht alles auf seine Lernstörung zurückführen, die offenbar nur durch kontinuierlichen und direkten menschlichen Kontakt im Unterricht in den Griff zu kriegen ist, wie wir jetzt gelernt haben. Ein Teil geht schon auch auf pubertierende Faulheit zurück, die den Störfall als forgesetzte Ferien interpretierte.

Aber selbstorganisiertes Lernen in einem luftleeren virtuellen Raum ohne direkte Rückkopplung passt nun mal gar nicht mit ADS zusammen. Nun fehlen Oskar also ein paar Monate Stoff in diversen Fächern zusätzlich. Und wir waren gerade auf einem guten Weg gewesen - danke, Corona, danke.

Und doch war es Oskar, der uns im Garten das bleibende Mahnmal an die Coronazeit gezimmert hat: unser Hochbeet, in dem es jetzt sprießt wie im Tropengewächshaus von Babylon. Auf seinen grünen Daumen und sein praktisches Geschick ist eben auch in Katastrophenfällen Verlass. Oskar und Garten, da ist zusammengewachsen, was zusammengehört.

Wir alle haben uns nun etwa elf Wochen lang mit staatlicher Segnung und Förderung daran gewöhnen dürfen, dass richtige Menschen aus Fleisch und Blut was Bedrohliches sind, von dem man Abstand halten muss. Das ist die vielleicht bitterste Gewöhnung in dieser ganzen Misere. Denn die Grundtendenz bestand ja in unserer immer virtuelleren und sozial distanzierteren Gesellschaft ohnehin schon, die Generation meiner Kinder ist damit auf die Welt gekommen. Nun hat Corona uns darin noch mal richtig bestärkt, dass wir alle kleine Elementarteilchen sind, die sich mit den anderen Elementarteilchen eher abstoßen. Auch dafür danke, Scheißvirus.

Am besten hat das Ganze noch Hannah verarbeitet, die in ihrer stillen, ohnehin meist eher distanzierten Art das Kommunizieren mit der Welt und der Schule auf fünfzehn verschiedenen Datenwegen weggesteckt hat wie nix. Jedenfalls scheint es so, aber weiß man, wie es drinnen aussieht? Leider nicht wirklich.

Allerdings hatten wir als Vater-Mutter-und-zwei-Kinder auch überraschend viele schöne Momente in dieser monatelangen Zwangslage, dauernd aufeinander zu hocken. Jedenfalls wurde nicht nur gestritten und gebockt, sondern auch eine Menge geredet und gelacht. Um nicht zu sagen: Wir waren ziemlich albern miteinander. Ach ja, und für mich gab es plötzlich überall Fotomotive, die ich mir noch im Februar nicht hätte vorstellen können. Muss man ja auch mal anerkennen.

Über dieses seltsame Völkchen hierzulande samt seiner zahllosen Immigranten und "Schutzbefohlenen" habe ich gelernt, dass wir offenbar immer auch nach gefühlten Jahrhunderten der Demokratie noch nicht reif sind für einen individuell eigenverantwortlichen Umgang mit Krisen und ungelernten Situationen.

Nein, der Staat muss alles regeln. Und zwar erstens mit Geld und zweitens vor allem mit Verboten. Verbote und Zwang sind was ganz Tolles, finden offenbar vor allem die Deutschen. Sie lechzen danach und schwelgen dann geradezu darin, das Verbotene und Gebotene auch minutiös einzuhalten - und selbiges vor allem vom Nachbarn zu fordern, notfalls aber einzuklagen. Denunziation olé!

Nur selbst, als Normalbürger, individuell maßgeschneiderte Entscheidungen zu treffen (dann aber auch für die persönlichen Folgen geradezustehen, wenn sie unvernünftig waren) - das ist in Deutschland ganz offensichtlich keine Option. Und dabei hätte ich für genau dieses Modell auch gern auf die Staatsknete verzichtet. Die Rechnung für die unbürokratischen Gießkannenhilfe an x-Millionen Bedürftige wird ohnehin folgen, und das saftig. Das ist doch klar.

Worin wir alle ganz besonders gut sind: die jeweils einzigen zu sein, die in der Sache Recht haben. Die anderen hingegen, die mit der falschen Meinung, kommen direkt aus dem Lager des Bösen und müssen mindestens mal mundtot gemacht werden, lieber aber ein für alle mal eingesperrt, bei Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte.

So sieht die deutsche Debattenkultur aus. Und so wird sie selbstverständlich auch nach Corona weitergehen. Dann wieder mit den vorübergehend ausgesetzten Lieblingsthemen Nazijagd und Klimawandel.

Letzte Zahlen, Stand heute: In Deutschland haben jetzt fast 182.000 Menschen das Virus, davon sind allerdings schätzungsweise 163.000 schon wieder gesund. Gestorben sind bis jetzt 8.463 Menschen MIT, nicht zwingend AN dem Coronavirus. Die allermeisten davon alt bis hochbetagt und multimorbid. Gilt auch für Hamburg, wo heute gut 5.000 Menschen das Virus mit sich herumtragen, aber weniger als 400 noch akut erkrankt sind. 245 sind bis jetzt gestorben.

Und ein abschließender Blick in die Welt zum Vergleich: Das weltbeste Absurdistan des Operettendiktators Donald Trump hat es sich nicht nehmen lassen, gestern die 100.000 Toten vollzumachen. Mit weitem Abstand die meisten Arme-Schlucker-Leichen auf der Welt, das ist doch wieder mal ein Rekord nach Donalds Geschmack.

Auf Platz folgt zwei derzeit übrigens das Großbritannien seines Pudels Johnson, das seinerseits bald die 40.000 hinter sich lassen wird. Man kann sich schon fragen, warum es ausgerechnet die beiden "westlichen Demokratien" am tödlichsten getroffen hat, die am rabiatesten auf Wildwestkapitalismus setzen und von denen wir uns immer noch jeden Tag ein Stückchen mehr beibringen lassen, das Leben auf seine "Monetarisierbarkeit" hin zu optimieren. Nicht, dass dieser Trend nun bloß wegen des Krisentestfalls Corona gestoppt werden würde, bewahre.

Aber gut im Rennen beim 100-Kilometer-über-Leichen-Gehen liegen auch die anderen üblichen Verdächtigen, Putin natürlich, dieser Brasilianer, dessen Name ich gar nicht googeln möchte, diverse afrikanische Staatenlenker, die iranischen Gotteskrieger und Freund Erdogan, das Schätzchen. Bei Herrn Xi ist bloß nicht klar, ob er bei der erstaunlich geringen Opferzahl im Reich der Mitte nicht vielleicht zwei oder drei Nullen vergessen hat mitzuteilen. Im Norden Osten Süden Westen insofern also nichts Neues.

Nun denn. Hat mich gefreut, Sie hier elf Wochen lang ein wenig infotainen zu dürfen, und danke für Ihre Kommentare. Ganz und gar stilllegen will ich das Blog noch nicht; sagen wir, ich stelle es auf Standby. Wenn es grundlegende neue Entwicklungen zu Corona gibt - persönlich, familiär oder gesamtgesellschaftlich -, dann gehe ich vielleicht hier wieder auf Sendung. Aber eben nur dann und nicht mehr täglich.

Machen Sie's gut, bleiben auch Sie gesund oder werden Sie es schnell. Und leben Sie auch nach Corona jeden Tag, als ob es kein Virus gäbe – was nicht heißen soll, nicht auf sich aufzupassen.



Mittwoch, 27. Mai 2020
Infektiöser Krisenwitz
Mittwoch, 27. Mai.

Dieser Krise geht eindeutig die Luft aus. Darf man das sagen bei einem Virus, das schwere Atemnot verursacht? Vermutlich nicht. Man darf heute gar nichts mehr sagen, oder man ist Nazi, Rassist, Klimaleugner und Sexist zugleich.

In Ermangelung nicht nur eines Fotos (siehe CC 26.5.), sondern auch einer Nachricht zum Thema dieses Blogs am heutigen Tage mache ich es mir einfach: Ich erzähle die besten drei Coronawitze, die das Internet gerade aus dem Stand hergibt. Auch, weil ich rechtzeitig zur Liveübertragung des ersten bemannten Raketenstarts der NASA seit fast einem Jahrzehnt um 22.33 Uhr mit dem Bloggen fertig sein will.

Auf Platz 3: Frecher Enkel am Telefon: "Oma, schick mir 10 Euro, oder ich komme dich besuchen!"

Auf Platz 2: Komisch, die Erdnüsse an der Bar schmecken ganz anders, seitdem sich jeder die Hände wäscht.

Und der völlig willkürlich ausgewählte Spitzenreiter des Abends: Ein Doktor kommt mit den Testergebnissen wieder und fragt den Patienten, ob er zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören möchte. Der Patient wählt zuerst die schlechte. Der Arzt sagt: „Sie haben das Coronavirus.” – „Und wie lautet die gute Nachricht?”, fragt der Patient. Doktor: „Ich habe mich gestern verlobt.”

Ja, besser wird es heute nicht mehr. Als Bonustrack hier nur noch der gute Rat für die neue Normalität: Umgeben Sie sich nie mit positiven Menschen!

Die Zahlen vom Tage, leider gar nicht komisch: 335 neue Fälle und 56 Verstorbene im Land; in Hamburg drei neue Infektionen und 1 Todesfall. Und jetzt schalten wir um nach Cape Canaveral.



Dienstag, 26. Mai 2020
(Abbildung ähnlich)
Dienstag, 26. Mai.

Schon wieder kein aktuelles Foto heute. Mir gehen die Corona-Motive aus. Was kann man noch fotografieren, was nicht schon zehntausendmal fotografiert worden ist? Schutzmasken scheiden aus, Desinfektionsmittel, Klopapier, leere Regale und abgesperrte Spielplätze (gibt es ohnehin beides nicht mehr), Warn- und Dank-Schilder jeder Art ebenso. Von alledem beschlägt mir mittlerweile die Linse. Also was?

Leser, eine Idee? Ich würde glatt versuchen, nach Ihren Vorstellungen etwas ins Bild zu setzen, das allerdings innerhalb meines erbärmlich mittelmäßigen Alltags-Lebens auffindbar sein müsste. Denn ich fotografiere ja schon für mein Leben gern.

Man könnte natürlich auf Symbolfotos ausweichen. Das sind die üblen Notlösungen aus dem Archiv oder aus kostenlosen Bilddatenbänken, mit denen Ihre Tageszeitung zum Beispiel einen mittelschweren Verkehrsunfall illustriert, um nicht für 7,50 Euro einen freien Fotografen rausschicken zu müssen: das Blaulicht auf einem Streifenwagen als Totale. Genial. Genial bescheuert.

Oder diese Bilder, die man früher in der Fernsehwerbung brachte, wenn es eigentlich zu eklig wurde. Wenn man etwa volle Babywindeln ins Bild setzen musste und irgendeine Mutti dann blaue "Ersatzflüssigkeit" auf das saugfähige Flies schüttete. Manchmal wurde aus rechtlichen Gründen sogar noch der Schriftzug "(Abbildung ähnlich)" untergebracht.

Es gibt aber auch kreative Symbolfotos. Zum Beispiel, wenn Medien das Thema "Hacking" illustrieren wollen. Dann zeigen sie immer, immer, immer einen Dunkelmann im Hoodie, dessen Augen man im Schatten der Kapuze nicht sieht, vor einem Laptop. Dabei sitzt da in Wirklichkeit eine Gestalt wie Sie und ich (eher Sie), völlig unvermummt, weil er ja von keiner Kamera beobachtet wird, und isst beim Hacken Pizza aus dem Karton.

Und weil mir das jetzt zu doof wird, diese lange Zeit ohne selbstgemachtes Corona-Foto, weiche ich jetzt auch auf ein solches Symbolbild aus dem Archiv aus. Bitte sehr, das Bild zur Seuche von heute. Denken Sie sich Ihren Teil.



Noch die Zahlen vom Tage, die immer unspektakulärer werden, Gott sei Dank: Im ganzen Land 594 neue Fälle, 63 Sterbefälle. In Hamburg heute bislang NICHTS, kein Fall, kein Toter, gar nix.