Dienstag, 31. März 2020
Auf schwankendem Boden
Dienstag, 31. März.

Am Vormittag erstmals die wegen fiebriger Erkältung verschobene Physiotherapie gegen meinen Bandscheibenvorfall von vier Wochen. Praxisbetrieb fast wie gewöhnlich. Lediglich die Hände werden öfter gewaschen, die Behandlungsliege noch gründlicher desinfiziert. Ich lerne eine neue Dehn-Übung, um die wunden Punkte am Übergang zwischen Lenden- und Brustwirbelsäule zu mobilisieren.

Wir machen weitere Termine aus, bis tief in den April hinein. Da wollte die Krankengymnastin eigentlich in Urlaub fahren, stockt aber beim Gedanken an diese weit entfernte, unvorhersehbare Zukunft.

"Vielleicht Heimaturlaub", tröste ich sie.

Dann Büro, das gleich um die Ecke von der Praxis liegt. Auf dem Weg noch schnell beim Drogeriemarkt nach Küchenrollen und dem vermaledeiten Klopapier schauen – und siehe da, die Regale sind halb voll! Beglückt trage ich eine Packung von jeder Sorte aus dem Laden. Normalisiert sich die Hamsterlage?

Mittags gibt es inzwischen kaum noch Kantinen, Restaurants oder Imbisse in dieser normalerweise von hungrigen Büromenschen wimmelnden Gegend, die wenigstens noch einen To-Go-Verkauf am Laufen haben. Bleibt nur der Suppenladen, der die Sache gut im Griff hat. Man hat auch hier Abstandslinien auf den Boden vor dem Tresen geklebt. Nach Aushändigung der Essenstüte läuft der Gast auf der anderen Seite einer improvisierten Barriere in Richtung Ausgangstür zurück.

Heute stellt mir ein treuer alter Kunde einen neuen Auftrag in Aussicht. Das ist noch nicht mehr als eine Absichtserklärung, aber es tut so verdammt gut. Weil es sich anfühlt, als ob es eine Zukunft gäbe.

Trotzdem mache ich mich ans Ausfüllen des Corona-Schutzschirm-Antrags. Denn heute ist das Antragsformular tatsächlich online. Und sorgt gleich für heillose Verwirrung, wie erwartet. Die Hotline bleibt überlastet, ein einziges Mal komme ich durch. Ein Herr mit kurdischem Nachnamen, der offensichtlich gerade erst vor zwei Stunden für diesen undankbaren Job angeheuert wurde, scheitert an der ersten Frage: "Künstler" sollen ihre KSK-Mitgliedschaft nachweisen. Ich bin in der KSK, aber nicht als Künstler, sondern als Journalist – eine Beruf, der in der Auswahlliste der Branchen nicht vorgesehen ist. Muss ich auch den Nachweis hochladen? Der Kurde sagt, machen Sie mal besser. Warum, weiß er auch nicht. Sicher ist sicher.

Nach Feierabend, der heute wieder mal sehr früh ist, gleich in den Garten. Als ich mich auf die Bank auf der Terrasse setzen will, kippelt sie plötzlich stark. Die Betonplatte, auf der ein Bein der Bank lastet, ist mit einem Mal halb weggesackt. Wir heben drei benachbarte Platten an und finden statt festgestampftem Sand darunter jede Menge welkes Laub - und tiefe Höhlen.

In den mit wärmendem Laub ausgestopften Gängen zuckt es unregelmäßig. Als Oskar mit dicken Lederhandschuhen mutig den halben Arm hineinsteckt, holt er vier nackte Rattenbabys heraus. Die halbe Terrasse ist unterhöhlt.

Wir improvisieren und bessern mit der Muttererde aus, die eigentlich fürs Hochbeet gedacht war. Festtrampeln, mit einem Vierkantholz glattziehen, Platten neu verlegen, Bank wieder aufstellen. Geht doch. Irgendwann im Leben macht man alles zum ersten Mal.

Dann sitzen wir auf der Terrasse, die Sonne geht unter, die Rotkehlchen zwitschern, die Erwachsenen trinken Bier, und es könnte ein ganz normaler Frühlingsabend sein. Aber Hamburg heute: 2290 Infinzierte, 9 Tote. Im ganzen Land: 71.000 / 702.



Montag, 30. März 2020
Hilf dir selbst
Montag, 30. März.

Morgens liegt Schnee. Ein Rest von Schnee, genauer gesagt, der umgehend wegtaut. Und dann fallen Flocken, die schon keine Flocken mehr sind, sondern von einer kraftlosen Kinderfaust zusammengematschte Schneeball-Versuche.

Als ob wir zum Schaden auch noch den Spott des Himmels bräuchten.

Erster Arbeitsauftrag am ersten Arbeitstag der neuen Woche: herausfinden, ob endlich das Antragsverfahren für die Corona-Finanzhilfen eröffnet wurde. Es wurde nicht, technische Probleme. Und das bleibt auch den ganzen Tag so. Alles, was es gibt, ist eine Sonder-Website der "Hamburger Corona Soforthilfe (HCS)", angesiedelt bei der Hamburgischen Investitions- und Förderbank. Schön, dass da wenigstens schon mal ein amtliches Drei-Buchstaben-Kürzel prangt, unter dem man allerhand Infos über das Antragsverfahren, die "maximalen" Fördersummen und die Begünstigten findet.

Nur die Bereitstellung des eigentlichen Antragsformulars lässt auf sich warten: "Unser Ziel ist es, in Kürze Anträge entgegennehmen zu können, aber es gibt momentan noch keine Antragsformulare. Daher bitten wir Sie um Ihre Geduld. Wir werden die Informationen auf unserer Webseite in den nächsten Tagen ständig aktualisieren." Telefon-Hotline: überlastet.

Tja, aber in eurer Mitteilung hattet ihr angekündigt, dass es heute so weit sei. Wie immer: Verwaltung kündigt an, Verwaltung hält eigene Ankündigung nicht ein, auch egal. Verklagt uns doch!

Unterdessen steht immer mehr Freiberuflern und Selbstständigen das Wasser bis zum Hals. Übermorgen beginnt ein neuer Monat. Da werden Mieten fällig, Versicherungsbeiträge, andere Daueraufträge – ach ja, und die Umsatzsteuervoranmeldung, die auch.

Aber so, wie die Richtlinien für die Zuschussvergabe derzeit dargestellt werden, falle ich sowieso durchs Raster. Es soll ja nur eine "Hilfe zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen" sein, ausdrücklich ohne Berücksichtigung der "persönlichen Lebenshaltungskosten".

Okay, dann würde in meinem Fall höchstens die Miete für meinen Großraumbüro-Arbeitsplatz anrechenbar sein. Plus vielleicht weitere Monatsausgaben von 150 Euro, alles in allem also vielleicht 400 Euro. Aber was ist mit dem Geld, das ich aufgrund ausgefallener Auftragsmöglichkeiten nicht einnehmen werde und das verdammt noch mal sehr wohl meine "persönlichen Lebenshaltungskosten" decken sollte, beziehungsweise die meiner Familie, da Rike ja jetzt keine Job mehr hat? Egal, oder?

Ich werde trotzdem den Antrag stellen, sobald dieses verschissene Antragsformular endlich online steht.

Ansonsten gilt die alte Freelancer-Formel: Hilf dir selbst, denn der Staat wird es nicht tun. Einer meiner Kunden ist fein raus: Sein großes mittelständisches Unternehmen ist im weitesten Sinne in der Nahrungsmittelbranche tätig. Seine Lkws rollen weiter durch halb Europa, ungestört von geschlossenen Grenzen, die für den Frachtverkehr offen bleiben. Seine Produktion gilt als "systemrelevant". Er könne nicht klagen und wolle keine öffentlichen Zuschüsse in Anspruch nehmen, sagt er mir am Telefon: "Andere bruchen die dringender als wir." Sehr soziale Einstellung, muss man sagen. Die üblichen Jammerlappen der deutschen Wirtschaft klingen anders. Und seinen Auftrag immerhin behalte ich.

Ein anderer Kunde steht gerade im Auge des weltweiten Wirbelsturms. Seine Zentrale muss ich am Freitag besuchen, um Interviews zu machen. Ich hoffe, man stellt dazu Masken bereit. Wenn es welche gibt, dann dort.

Auch der kleine Weinladen in der Nachbarschaft schlägt sich tapfer. Sie machen jetzt Außer-Haus-Verkauf an einem improvisierten Schalter direkt vor der Ladentür, wo wir beim Nachmittagsspaziergang zwei hübsche Flaschen erwerben. Und sie versenden ihren Wein bis nach Dänemark. Das kostet zwar pro Lieferung allein für die Versandverpackung und den Transport ein Heidengeld, aber für Dänen muss es immer noch paradiesisch billig wirken. Dieses arme Nachbarland, das sich das Elend vor lauter Steuerlast jetzt ohne Direktimporte aus Deutschland nicht mal schöntrinken könnte.

Keine Fotos heute. Der Tag war wettertechnisch einfach zu trist. Nicht mal die Schneeflocken ließen sich in ihrer ganzen Monstrosität aufs Bild bannen.

In Deutschland jetzt knapp 64.000 Fälle, 560 Tote (ziemlich genau so viele Infizierte wie allein der US-Bundestaat New York, bei halb so vielen Toten!). Aber angeblich sind bei uns inzwischen auch 10.762 "wieder gesund". Darf ich die von den 64.000 abziehen, oder gehen die extra? Hamburg: 2.214 Infizierte. Keine Kurve, die ich mir anschaue, zeigt irgendeine Art von Abflachung.

Nachtrag, 21 Uhr: Der tägliche Soli-Applaus prasselt von Hunderten Balkonen, ich glaube in diesem Fall mal wieder für die Helden des Gesundheitssystems. Er klingt in der relativen Stille der Stadt wie Hufgetrappel auf hohlen Kopfsteinpflasterwegen. Und er ist total bescheuert. Erstens hört ihn von den Gemeinten im Zweifel niemand, zweitens ist er wohlfeil, und drittens nervt er selbst diejenigen, denen der Applaus gilt: "Euer Geklatsche könnt ihr euch in die Haare schmieren", schrieb neulich eine Krankenschwester auf Facebook. Nachdem sie dargelegt hatte, wie unermesslich scheiße ihre Arbeitsbedingungen selbst in normalen Zeiten inzwischen sind. Wofür sich vor Corona keiner der heutigen Klatscher interessiert hatte. Bäh.



Sonntag, 29. März 2020
Poesie der Verlassenheit
Sonntag, 29. März.

Spät aufgewacht, draußen ist nur der plötzliche Sturm zu hören, der tatsächlich Schneeflocken vor sich hertreibt. Ende März. Es ist eiskalt, unter Null war es in der Nacht, und so soll es auch in den folgenden beiden Tagen bleiben. Jetzt, nachdem endlose Monate lauwarmer Regenstürme statt eines regulären Winters überstanden sind, jetzt, wo der beginnende Frühling die einzige noch verbliebene Freude und Entschädigung schien. Das brauchen wir wie Pickel am Arsch.

Aber auch deswegen so spät aufgewacht, weil sie uns zu allem Überfluss auch dieses Jahr wieder eine Stunde gestrichen haben. Die verdammte Zeitumstellung hatte die EU doch abschaffen wollen? Vermutlich wegen Corona auf Eis gelegt. Bis zum Jahr 2100. Unter den aktuellen Umständen fühlt es sich an, als ob uns die Bürokraten eine Stunde Lebenszeit stehlen.

Rike und ich wollen trotz allem einen Spaziergang rund um die Boberger Düne machen, wo Hamburg wirkt wie eine Mischung zwischen den Birkenhainen der Lüneburger Heide und nordfriesischer Insel mit den weißen Sandkuppen windverwehter Wanderdünen. Als wir mit dem Auto am späten Mittag auf dem Weg dorthin durch triste Vorstadtschneisen fahren, sind die Ausfallstraßen leergefegt.



Während die Poesie der Verlassenheit hier noch sehr spärlich durchschimmert, klart es während der kleinen Wanderung zunehmend auf. Das sauber gewaschene, tiefgekühlte Licht des Nordens taucht die Welt in eine fast unwirklich reine Aura. Und die relative Menschenleere macht die jahreszeitlich üblichen Anblicke zu verzauberten Szenen der Melancholie.



Der zuletzt doch wieder dauerhaft sonnige Tag klingt damit aus, dass Oskar und Rike im Garten ein weiteres Mal Knochenarbeit leisten: Schubkarren voll Kompost füllen die Kiste des neuen Hochbeets. Habe mir vorgenommen, wenn die Läden wieder aufmachen, ein kleines Messingschild mit Oskars eingraviertem Namen daran zu befestigen. Ich sitze derweil in der Laube und tippe mit klammen Fingern auf dem Laptop ein Interview ab.

Dann kommt die Dämmerung, und die Kälte nimmt derart zu, dass selbst unsere beiden Helden vom Ackerbau zuhause Zuflucht suchen. Und so sind wir also wieder vereint in unserer Isolierstation. Für eine weitere Nacht, in der das Virus ums Haus streicht. Hamburg hat jetzt die 2000er-Marke der Infizierten überschritten.

Deutschlandweit 58.655 Fälle, 456 Tote. Aber Italien nähert sich den 100.000 Infizierten, Spanien liegt nicht weit dahinter. In beiden Ländern zusammen sind fast 18.000 Menschen gestorben. In Großbritannien traf es eine 108-Jährige, die als Kleinkind währen des Ersten Weltkriegs die Spanische Grippe überstanden hatte. Ihre neugeborene Schwester war damals der Seuche zum Opfer gefallen.