Sonntag, 22. März 2020
Isolation auf höchster Ebene
Sonntag, 22. März.

Kurz nachdenken: War heute was Besonderes? Allein die Frage ist natürlich schon wieder irre, denn ein Besonderes jagt gerade das nächste. Jede Meldung der heutigen Tagesschau hätte noch vor vier Wochen wie aus einem deppert unrealistischen Endzeit-Roman geklungen.

Die Kanzlerin hat mal wieder gesprochen. In ihrer Pressekonferenz saßen die Journalisten hübsch auf 1,5 Meter Abstand voneinander separiert. Den hat sie ja dann schließlich auch als neue Richtschnur verkündet. Und wir dürfen nie mehr als zwei Mann hoch beisammenstehen. Aber immerhin: Raus an die frische Luft und in den Garten, das geht noch.

Unmittelbar nach der Bekanntgabe hat sich Merkel dann "selbst isoliert". Denn da wurde bekannt, dass der Arzt, der sie gerade erst gegen Grippe impfte, selbst Corona hat. Wir haben also nun eine Regierungschefin unter Quaratäne. Das macht sie paradoxerweise fast nahbarer. Und wenn ich das sage, will es etwas heißen.

Ansonsten war auch heute ein eisiger, aber wunderbar sonniger Vorfrühlingstag mit glasklarem Licht. Radtour entlang der Dove-Elbe. Die Sonne flirrte auf tiefblauem, windbewegtem Wasser. Und überall Menschen. So, als ob wir alle die letzten Sonnenstrahlen einer alten, vergangenen, sorglosen Zeit einsaugen wollten.

Was kommt morgen? Nicht daran denken. "Ja, so ist das Leben, aber / nur an diesem schönen Maitag / nur nicht an die Zukunft denken / nur nicht denken, nicht an morgen / an die Frau nicht, an die Kinder / an mich selber: nur nicht denken / aber jetzt und hier und ohne Arbeit / Mann, das ist das schöne, ist das wahre Leben / arbeitslos." (Wolf Biermann)

Freund und Kollege Adrian glaubt, wir schaffen das. Er glaubt das immer. Wenn man total mutlos ist, muss man ihn anrufen. Er ist Unternehmer, er unternimmt was. Sogar jetzt. Die Belegschaft allerdings hat er auf Kurzarbeit setzen müssen.

Was auch noch geht: am Sonntag während der Radtour einen Beutel Bio-Kartoffeln kaufen. Nur Klopapier hatte auch der Hofladen nicht übrig. "Der Bundestag hat gerade beschlossen", wagt der Verkäufer einen Witz, "dass jeder Haushalt, der mehr als 8 Rollen Klopapier auf Lager hat, als öffentliche Toilette gilt".

Mein Favorit auf dem Gebiet bleibt trotzdem das Mauerbild von Gollum, der auf seinem Felsen hockt, "Mein Schaaaaatz!" jauchzend. In den Händen hält er schützend die Rolle Papier.

In Deutschland jetzt fast 25.000 Fälle, fast 100 Tote. In Hamburg stehen wir bei 887 Infizierten. Offiziell.



Samstag, 21. März 2020
Unterwegs im Surrealen
Samstag, 21. März

Ein kalter, aber sonniger Tag. Und wenn sich wirklich heute unser Schicksal entschieden hat, dann müssen wir jetzt alle in Einzelhaft für den Rest unseres miserablen Lebens. Denn sie waren alle, alle unterwegs: die Hundegassigänger, die Hamsterkäufer, die Jogger, die Autoposer (allerdings mit immer kleinerem Publikum am Jungfernstieg, die Armen), die Einfach-so-in-der-Gegend-Rumgurker, die Rennradfahrer, die Abhänger und Chiller, die Heimwerkermarkt-Leerkäufer, die Kleingärtner, Heerscharen von Spaziergängern (sogar in abgelegenen Industrievierteln des Hafens, wo sonst nur die Schwarzen Altautos auschlachten und die Libanesen geklaute Fahrräder zum Export klarmachen) – und ich. Ich sogar besondes lange, streng vereinzelt natürlich.

Trotzdem gibt es heute nur ein Foto:



So sieht's nämlich aus. Wenn man sich mal klarmacht, dass derzeit schon jeder 5. US-Amerikaner unter Ausgangssperre steht, dann ahnt man – aber wirklich: man ahnt höchstens – was für unvorstellbarer Schaden gerade der Weltwirtschaft entsteht. Und was in der Beziehung erst noch kommt. Börsen, Finanzsystem, Staatseinnahmen und -ausgaben, Renten, Gesundheitswesen, Autoindustrie ... es ist vollkommen unglaublich. Und für was?

Gut, es gibt die Zahlen und Bilder aus Italien, aus Spanien. Aber dennoch: Würde man alle Toten herausrechnen, die sonst ohnehin an Influenza, Krebs, Herz-Kreislauf und schierem Alter gestorben wären, schrumpften die Zahlen wie das Arktiseis im Klimawandel. Es ist alles so schwer miteinander überein zu bringen.

Und natürlich, wenn ich oder jemand aus meiner Familie heute ernsthaft an Covid-19 erkrankte, würde ich von jetzt auf gleich anders denken. Und nur noch einen dieser tollen Beatmungsplätze wollen. Und vermutlich auch wieder zu beten anfangen, obwohl mein Verstand mir unzweideutig klargemacht hat, wie töricht das wäre. Ich bin auch nur ein Mensch.

Ich habe beschlossen, keine Geschichten über Krankheitsverläufe mehr zu lesen. Das ist einfach schlecht fürs Immunsystem.

Wir leben in einem surrealen Albtraum, der vorerst keinen Ausstieg bietet. Wer hätte gedacht, dass wir das mal mitmachen würden.

Zur Abrundung die Zahlen von heute: Hamburg 768 Fälle (und davon nur 7 auf der Intensivstation!), deutschlandweit jetzt 22.213.



Freitag, 20. März 2020
Woche 2: Albtraumstart
Freitag, 20. März

Beginn der zweiten Woche dieses Tagebuchs und der um sich greifenden Zombifizierung. Das Bundeskanzleramt will sich "uns", also das Volk, "vor allem am Samstag gründlich ansehen". Nämlich ob wir freiwillig unter uns bleiben oder uns zum Wochenende munter verabreden, womöglich noch in freier Natur. Neue Todsünden.

Und dann wird die Strafe der gestrengen Regentin auf dem Fuß folgen: Das Volk war böse, es wird weggesperrt. Fast schon lüstern kündigt "Die Welt" das an. Nachdem auch der Newsflash-Ticker dieses rapide zum schleimscheißenden Katastrophen-Käseblatt degenerierten Mediums auf meinem Handy munter weiter brummt, habe ich ihn jetzt abgeschaltet. Geht gleich besser.

Frage: Darf man auch Deutschlands Hunderttausend Kleingärtner komplett wegschließen, oder müssen die sich nicht vielmehr um die Aussaat der kommenden Gemüseernten kümmern? Also vielleicht besser eine Art Zwangsarbeitsdienst statt Heim-Knast? Offene Fragen, so viele offene Fragen.

Immerhin: Die Spammer dieser Welt verstehen ihr Katastrophen-Handwerk. Bekam ich sonst immer Drohmails des Inhalts, dass man mein Handy gehackt und mich mit meiner eigenen Kamera heimlich beim Pornokonsum gefilmt habe, weshalb ich nun fürs Stillschweigen x-tausend Dollar in Bitcoin zu überweisen hätte, ist die Verheißung nun erweitert worden: Wenn ich nicht zahle, wird meine ganze Familie mit dem Coronavirus angesteckt. UND alle meine Freunde sehen mich beim Masturbieren.

Aber umgekehrt war ich ja auch nicht faul. Zuverlässig haben zuletzt immer morgens diese Typen angerufen, die in brüchigem Englisch vorgeben, von "Microsoft in India" zu sein und mir beim "computer problem" meines Laptops behilflich sein zu wollen. Es folgt dann eine Schritt-für-Schritt-Anleitung ("Are you sitting in front of your computer, sir?"), die mich dazu bringen soll, einen Virus auf dem Rechner zu installieren, der ihnen die Kontrolle über mein gesamtes Leben gibt.

Aber zuletzt bin ich zum Angriff übergegangen: "May I ask a question?" - "Yes, why?" - "Do you know the Coronavirus?" - "Sir, what does this have to do with your computer?" - "Because the Coronavirus is already inside your head!" – Aufgelegt. Derzeit keine neuen Anrufe aus Indien.

Rike hat ein sich exponentiell verbreitendes Virus - quatsch: Problem im neuen Job. Immergleicher Stress mit immerderselben Kollegin, die gleichzeitig als Projektleiterin in gewisser Weise weisungsbefugt ist, aber nicht mal das kleinste 1x1 für Führungskräfte beherrscht. "Wir" hätten doch verabredet, dass "wir" irgendeinen Auftrag ausführen, funkt sie ins Home Office. Das sei aber nicht passiert, oder falsch, oder sonstwie unzureichend. Tja, wer ist nun dieses "wir"? Büroscheiße in Zeiten von Corona wird nicht aromatischer, wenn sie virtuell verabreicht wird.

Eine Stunde nach vorausgegangener Notiz: Rike ist gefeuert worden. Ohne Anhörung, ohne ihrer Bitte um ein Gespräch über fehlende Kommunikation und mangelnde Einbeziehung ins Team stattzugeben. Per Videoschalte mit Chefin und Geschäftsführer, hoch lebe das Home Office. Sie haben aber mitleidsvoll angeboten, wenn Rike jetzt trotzdem noch Gesprächsbedarf habe, dann könne man gern schwätzen. Darauf halten sie sich dort viel zugute, auf ihre Mitarbeiterkultur.

Eine vierköpfige Familie mit zwei minderjährigen Kindern ist nun de facto arbeitslos - zu Beginn der schwersten Gesundheits- und Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Menschen, die da eine willkommene Gelegenheit zum Wegmobben von Konkurrenz beziehungsweise Kosten genutzt haben, werden auch morgen früh und an allen folgenden Tagen wieder in einen Spiegel schauen.

In den darauf folgenden Stunden hatte ich einen Nervenzusammenbruch. Rike und die Kinder merkwürdigerweise nicht. Im Gegenteil, sie haben mich langsam wieder aufgebaut. Das ist es, was man Familie nennt.

Das hier haben wir heute trotz allem schnell zusammengerührt:



Eine Seite Pizza, eine Seite Flammkuchen. Ich gehöre überhaupt nicht zu den Menschen, die auf Instagram posten, was für Delikatessen sie gleich zu verzehren sich leisten können. Aber angesichts der kommenden Zeiten darf man doch mal dokumentieren: Damals hatten wir noch was zu beißen.