Dienstag, 19. Mai 2020
Entwöhnung
Dienstag, 19. Mai.

Schwätzchen mit Freund Adrian, dem Chef im Büro, der aus dem Home-Office vorbeischaut. Er hat gelesen, dass das für die Marktwirtschaft schicksalhafte "Konsumklima" hierzulande nicht nur unter den Erschwernissen durch Maskenpflicht und Abstandsregeln im Einzelhandel leidet, nicht nur unter den oft immer noch verkürzten Öffnungszeiten und den Warteschlangen vor der Ladentür. Und auch nicht nur darunter, dass die krisengeschüttelten Haushalte ihr Geld zusammenhalten.

Nein, es gebe den Aussagen irgendwelcher Soziologen zufolge eine von den wochenlangen Corona-Schließungen herbeigeführte "Kauf-Entwöhnung" der Kundschaft.

Mit anderen Worten: Man hat – vielfach zum ersten Mal im Leben – erfahren, dass man weniger konsumieren und trotzdem zufrieden sein kann. Viele Leute MÜSSEN derzeit gar nichts kaufen und tun es deshalb auch nicht. Obwohl es prinzipiell wieder ginge. Obwohl sie vielleicht sogar immer noch das Geld dazu hätten. Wahnsinn.

Sollte das tatsächlich eine der bleibenden Erkenntnisse von Corona sein: dass wir nicht jeden Scheiß kaufen müssen? Das wäre ja geradezu eine Revolution. Ein Hoffnungsschimmer für den Planeten, sein Klima und seine Ressourcen.

Das Revolutionäre daran: Diese Erkenntnis ist nicht herbeigepredigt, nicht durch unermüdliche Belehrungen durch wohlhabende Eliten-Darsteller, die nie Mangel leiden werden, auf allen medialen Kanälen anerzogen. Das alles würde ohnehin nicht wirken, sondern höchstens Reaktanz hervorbringen ("was verboten ist, das macht uns gerade scharf").

Vielmehr ist diese Kauf-Entwöhnung eine krisenbedingte Erfahrung, die ursprünglich als bedrohlich empfunden oder gefürchtet wurde, sich dann aber völlig überraschend als eher erlösend und entspannend herausgestellt hat. Aus freien Stücken. Ohne Erziehungsmaßnahmen. Und gerade daher könnte sie diesmal nachwirken.

Aber das Entwöhnungs-Phänomen zeigt eben auch einmal mehr, wie groß der Anteil der Werbung (CC vom 1. bis 31. jeden Monats) daran ist, Bedürfnisse zu wecken und künstlich Kaufneigungen heranzuzüchten.

Und die Jungs und Mädels aus der Manipulationsindustrie werden es durch gesteigerte Anstrengungen schon schaffen, die gemachten und als positiv abgespeicherten Erfahrungen doch noch zu löschen, umzuprogrammieren und zu überschreiben: Doch, du brauchst das alles! Du willst es doch! Du profitierst davon! Du kannst dir Vorteile sichern! Chancen nutzen! Gewinne mitnehmen! Kosten sparen! Status erkaufen! Neid generieren! Gönn dir! Belohn dich! Kauf! Kauf ! KAUF!!!

Immerhin: An diesem 19. Mai erleben wir eine Konsumzurückhaltung in Deutschland, die möglicherweise auch etwas mit der Evolutionsfähigkeit des Menschen zu tun hat. An diesem Punkt in aller Zeit der Welt.

Freund Adrian allerdings, der aus dem Büro, plant derzeit die Anschaffung des allerneuesten, allerhipsten E-Bikes. Um die überschüssigen Lockdown-Pfunde wieder loszuwerden.

Die Zahlen von heute: In Deutschland 1023 zusätzliche Covid-19-Fälle (das Achtfache von gestern!?), 78 neu verstorben. Die Trendpfeile zeigen trotzdem wieder nach unten. In Hamburg gerade mal fünf Neuinfizierte (zwei Tote).



Montag, 18. Mai 2020
Demokratie bei der Arbeit
Montag, 18. Mai.

Das Muster bei den Protesten gegen die Corona-Beschränkungen funktioniert folgendermaßen: Da die Gruppe der Protestierer naturgemäß aus allen Lagern der Bevölkerung kommt (jeder hat ja einen anderen Schuh, der ihn bei den ganzen Beschränkungen drückt), ist die Lage für die Medien schnell unübersichtlich.

Die Praktikanten, die zu den Terminen geschickt werden, haben nun zwei Möglichkeiten: Sie können mühsam versuchen, die unterschiedlichsten Standpunkte zu verstehen und entsprechend vielschichtig zu berichten.

Oder sie können es sich einfach machen und sagen: Da sind ganz viele Spinner und Querulanten, deren Reden kein geschlossenes Bild ergeben, ja sogar widersprüchlich erscheinen. Außerdem sind einige komisch angezogen, und manche halten bizarre Schilder hoch.

Also schreiben wir: Das sind alles Verschwörungstheoretiker, außerdem von rechts unterwandert und sicher auch irgendwie rassistisch beziehungsweise antisemitisch. Dann ist Ruhe im Karton. Dann fragt keiner nach weiteren Begründungen oder Beweisen.

Hamburgs Medien haben sich angesichts der paar versprengten Menschlein, die montags beim "Offenen Mikrofon" am Jungfernstieg auftreten, zu letzterem entschlossen. Sie haben die Öffentlichkeit also entsprechend eingestellt, wobei natürlich das Stichwort "rechts unterwandert" die üblichen Friedensstifter und Demokratiewächter von der sogenannten Antifa auf den Plan gerufen hat. Die "beobachteten" die letzten Montags-Veranstaltungen also auf die gewohnt unaufgeregte und de-eskalatorische Tour, mit schwarzer Vermummung, aggressivem Filmen der Redner, Sprechchören, lauter Störmusik aus Verstärkern und ähnlichem.

Während ich heute, als ich nach der Arbeit beim "Offenen Mikrofon" vorbeikam (einer Art "Speaker's Corner", wo freie Rede gepflegt werden soll), auf folgende Szenerie traf:



Man sieht hier nahezu nichts davon, aber eine Handvoll engagierter Rednerinnen und Redner, die jeder nur für sich selbst das Wort ergriffen, wurde von zwei Handvoll ansatzweise schwarzvermummter UN-Friedenstruppen belauert, die wiederum von nahezu 100 Einsatzpolizisten an ihrer üblichen Gewalttätigkeit gehindert wurden.

So viel zum Stand der demokratischen Diskussionskultur in Deutschland im Jahr 15 der Merkel-Regierung.

Es war trotzdem aufschlussreich und auch ein wenig ermutigend, was ich gesehen habe. Die beiden Damen, deren Vorträgen ich in Ausschnitten zuhören konnte, waren nicht nur rhetorisch recht bewandert, sie gaben auch den Wegelagerern von der Antifa verbal Saures, wobei nicht wenig Applaus aufbrandete: "Ihr seid nur in der Masse stark, nur wenn ihr vermummt seid!" – "Ja, filmt mich nur, ist mir auch egal!" – "Eure Zeit ist vorbei!"

Und auch, wenn ich letzteres leider nicht glauben mag: Die stolzen, moral-getränkten Antifanten standen recht bedröppelt herum, auf ein recht klägliches Hohngelächter reduziert. Ein Anblick, der die Seele labte.

Sie fanden außerdem nicht mal die leisesten Ansätze für ihre üblichen Totschlag-Vorwürfe von Rassismus, Faschismus oder sonstigem Ismus. Zum Liebhaben!

Mit schlagartig verbesserter Laune verließ ich den Schauplatz der freien Meinungsäußerung.

Die Zahlen vom Tage: Nur 182 Neuinfizierte in Deutschland gegenüber gestern, 41 neue Todesfälle (ermals knapp über 8000 insgesamt). Dennoch stiegen angeblich die Neuansteckungen, über einen Sieben-Tage-Zeitraum betrachtet, weshalb der Trendpfeil nach oben zeigt. In Hamburg nur acht neue Infektionen, ein einziger neuer Todesfall.



Sonntag, 17. Mai 2020
Wunder der Statistik
Sonntag, 17. Mai.

Mit Rike und Oskar am Schaalsee gewesen. Meck-Pomm, dieses ferne, gerade noch so unnahbare Land, das einem inzwischen schon wieder ganz nah, ganz normal vorkommt, im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Was man heute alles schon wieder ganz normal tun kann: rüberfahren (nach "drüben", ganz ohne Kontrolle und Machen-Sie-mal-das-Ohr-Frei), dort spazieren gehen, sich ein Fischbrötchen holen, sich damit in die Sonne an einen Tisch setzen, anderen Menschen zusehen, die dasselbe tun ... Wahnsinn, fast wie "früher"! Also jetzt nicht "ganz früher", als noch ein gewisses Abwehrbollwerk stand.

Was leider noch nicht ging, war: vom Fleck weg das schmucke Ferienhäuschen mieten, das uns unterwegs im Wald anlachte. Schmuck, aber verriegelt und leerstehend.

Und leider sind wir Menschen mit Hamburger Nummernschildern ja im östlichen Bundesland gar nicht mal soooooo beliebt, weil wir dort bekanntlich jeder drei Zweitwohnsitze am See und/oder an der Küste haben und uns für diese Immobilien Mecklenburg-Vorpommeraner als billiges Dienstpersonal halten. So hört man wenigstens.

Und im Zweifel nehmen wir denen auch noch die Beatmungsplätze weg. Ach nee, das war Schleswig-Holstein (siehe CC vom 29.4.) Und ist ja jetzt auch hoffentlich ausgestanden.

Die Zahlen von heute: 617 landesweit neu Infizierte (nur 20 Todesfälle!) Aber jetzt kommt's: In Hamburg hat die Gesamtzahl aller jemals Infizierten laut Stastik um genau zwei ABgenommen! Gestern waren es noch 5.031, heute sind es 5.029. Ein Wunder ist geschehen: Menschen, die krank waren, sind es plötzlich nie gewesen. Fragen Sie nicht mich, fragen Sie die Hamburger Gesundheitsämter.

Die Todesfälle in der Stadt haben sich um einen erhöht. Wodurch es nun theoretisch und rein statistisch möglich ist, dass einer, der erst krank war, es dann aber nie gewesen ist, nun nicht mehr lebt. Es sind wahrlich wundersame Zeiten.